Zweierlei Plastikmaß

Mittwoch nun ist Markttag. Und immer wieder mittwochs wird mir bewusst, wie gut ich es habe mir und meinen Kindern nach Herzenslust Essen kaufen zu können, Essen, das uns gut tut, Leib und Seele nährt.

So ungern ich sonst einkaufe, mit den mir inzwischen so vertrauten Maktleuten schwatze ich gern. Kohlrabiblätter und Möhrengrün für das Hühnervolk gibt es gratis dazu, manchmal auch einen nicht mehr verkäuflichen Salat. Weiterlesen

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Denken an N.

Vielleicht liegt es daran, dass gerade mein zweites Kind volljährig geworden ist, jedenfalls laufen meine Gedanken in schlaflosen Nächten kindheitenweit zurück.

Vielleicht werde ich auch einfach nur selbst alt.

Den größten Teil meiner eigenen Kindheit verbrachte ich einer Reihenhaussiedlung, Reihe um Reihe stand ins ehemalige Feld gebaut und jedes Scheibchen Haus mit Gärtchen war wie das andere. Das hatte den Vorteil, dass Nachbarskinder nie irgendwo fragen mussten, wo denn bitte das Klo sei. Manchmal war es auch verwirrend, denn es konnte sein, dass da, wo das Kinderzimmer hingehörte überraschenderweise das Elternschlafzimmer lag. Weiterlesen

Denken an D.

Seit ein paar Tagen muss ich wieder an D. denken. Unsere letzte Begegnung liegt an die 40 Jahre zurück und ich hätte ich ihn gern längst vergessen.

D. war eine Pestilenz, ein Quälgeist, eine wandelnde Demütigung.

Ich kann nicht mehr richtig klein gewesen sein, denn der Weg, auf dem er mir auflauerte, war nicht der von der Grundschule, sondern der vom Gymnasium.

Ich war klein, sehr klein für mein Alter, das Adjektiv zart traf damals in fast jeder seiner Bedeutungen auf mich zu, allerdings nicht zart wie ein graziles Reh, eher unbeholfen. D. war fast einen Kopf kleiner als ich, ziemlich kompakt und vermutlich ein paar Jahre jünger. Weiterlesen

Wie der Januar roch (inspiriert von Fräulein Read On)

Der Februar ist schon eine Woche alt und ich hoffe das Fräulein Read On sieht es mir nach, wenn ich erst jetzt dazu komme meinen Beitrag zu ihrer monatlichen Gerüchesammlung zu verfassen.

Fräulein Read On hat ihren Schnupperjahreskreis im Januar vollendet, so erscheint dieses mir lieb gewordene Format zum letzten Male. Weiterlesen

Aus dem Nestalltag (für das Projekt Alltag von Ulli Gau)

Ulli Gau aus dem schönen Café Weltenall (es gibt so wunderbare Blognamen!) lädt ein, einmal im Monat über den Alltag zu schreiben, also über das, was wir den ganzen Tag wirklich tun, das was unser Leben am Leben hält, wenn wir die Zeit auch — häufig theatralisch seufzend — gern mit anderem verbringen würden.

Was dem einen Alltag ist, kommt der anderen oft gar wunderlich vor. So habe ich mir einen eher ungewöhnlichen und für meinen Teil auch ungeliebten Aspekt des Fundevogelnestalltags herausgepickt. Weiterlesen

Brilles Abwege

Am Samstagmorgen nun ist Brille weg, irgendwie zwischen gemütlichem Wochenendmorgenvorlesen und Aufstehen verschwunden. Das ist nicht besonders aufregend, Brille ist die geborene Abenteurerin. Solange wir wissen, wo Ersatzbrille ist, die zwar veraltet und nicht optimal ist, aber den Kleinen Fundevogel vor Kollisionen mit dem Türrahmen bewahrt – das passiert wirklich – , ist alles gut. Ich schüttel ein bisschen am Bettzeug herum und schlüpfe für alle Fälle in einen Gummihandschuh, nein in den Abflussrohren der Toiletten ist Brille dieses Mal nicht gelandet und wenn doch, ist es schon zu spät.

Meistens taucht Brille so unvermutet wieder auf, wie sie verschwindet, bevorzugt an Plätzen, an denen man schon dreimal nach ihr gesucht hat.

Sonntagmorgen genießen der Kleine Fundevogel, Ersatzbrille und ich wieder das vorlesende Faulenzerglück, bis mir plötzlich etwas einfällt.

Fundevogel, sage ich, Brille muss wieder her, wir haben morgen einen Termin beim Augenarzt.
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Im Regen

Rundum warm war die Weihnachtslesung im Café Mehlbeere, angenehm geheizt und vor allem menschlich warm. Es brannte kein Feuer, aber es fühlte sich an, als säßen wir um eines herum. Vor der Lesung Geschichten und Erinnerungen ausgetauscht mit den befreundeten Damen des Cafés, gelacht und nachdenklich gewesen. Die Lesung selbst hat gefallen, das oberste Gebot du darfst dein Publikum nicht langweilen, scheine ich erfüllt zu haben.

Auf dem Weg zum Zuge peitschten uns eisige Böen genau entgegen, es regnete mit einer Macht, die gefühlt irgendwo zwischen echt norddeutschem Schietwedder und Apokalypse lag, die Herzensfreundin gab ihrem Rollstuhl die Sporen, der Große Fundevogel und ich rannten, nichtsdestotrotz klatschten hinterher drei Jeans eiskalt an den Beinen ihrer schlotternden Besitzerinnen.

Ein einzelner Mensch stand auf dem Bahnsteig und fragte, wann denn der Zug nach Kiel käme.

Nach Kiel? Im Leben fährt hier kein Zug nach Kiel, aber in ein paar Minuten kommt hier ein Zug nach Lübeck, da können Sie umsteigen. Weiterlesen

Wie der November roch (inspiriert von Fräulein Read On)

Wieder beschreibt und sammelt das bezaubernde Fräulein Read On Geruchseindrücke des vergangenen Monats.

Am besten lesen und schnuppern Sie dort selbst.

Und so roch es hier:

Der November riecht nach geschlossenen Fenstern, nach Heizung riecht er und der ungelöstenFrage, wieviel Heizung ist für das Klima zuviel, wie wenig für die Bewohner zuwenig? Weiterlesen

Novemberleuchten

Die Sonne ist mit ihrem dünnsten Wolkenschleier angetan. Zerstäubt wie Mehl aus einem großen Sieb rieselt das Licht auf Fluss, Sträucher und Weg.

Gelb ist der Weg, so gelb wie ein Kind die Sonne malen würde. Sonnengelb ist der Weg, auf dem das Kind, das nie eine Sonne malt, auf einem gelben Fahrrad fährt. Weich ist der Weg unter dem Kind und er leuchtet. Leuchtet sonnengelb. Sanft fallen gelbe Blätter durch zerstreutes Licht, machen noch weicher den laubgelben Weg. Machen frei den Blick durch die Zweige. Weiterlesen

Wie der Oktober roch (inspiriert von Fräulein Read On)

Das geschätzte Fräulein ReadOn führt ihre wunderbare Suche nach Gerüchen weiter. Schon ist auf ihrer Seite wieder ein wahres Zauberkästchen zum Schnuppern und Festlesen zusammengetragen worden. Weil es hier in den ersten Novembertagen nach der Salzlösung im rauschenden Inhaliergerät, nach dem Salbei, der meine Halsschmerzen tatsächlich fortnehmen konnte und dem Schnupfenatem eines kleinen Kindes roch, kommt mein Beitrag erst jetzt. Weiterlesen