Kein Applaus (ABC-Etüde)

Die gelben Kittel knistern bei jeder Bewegung. Ehe das Zimmer halb fertig ist, rinnt einem der Schweiß unterm Plastik den Rücken hinunterIrgendwas liegt da, nicht das übliche Verpackungszeugs, das die Schwestern erstaunlich achtlos auf den Boden fallen lassen. Das Faceshield macht die Vorzüge der Gleitsichtbrille zunichte. Abnehmen soll man das sperrige Ding lieber nicht. Seit ich fertig geimpft bin, habe ich allerdings nicht mehr solche Panik, weil dann ist es wohl mehr wie eine Erkältung.

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Gedankenrieseln zwischen den Jahren

Die Quarantäne ist auch für das letzte Nestmitglied vorbei. Nun sind Weihnachtsferien. Der Erzählvogel sitzt geduldig neben einem Winterkormoran hoch in der Birke und passt auf, dass die Frau Fundevogel nicht in die Versuchung kommt ihre unsterbliche Seele an wen auch immer zu verkaufen, bloß für ein paar Stunden mit sich allein.

Um meine Regentonnen habe ich gebangt in den Tagen, in denen der Garten unerreichbar war, aber sie scheinen dem Frost getrotzt zu haben. Nun da es taut, kippen der Kleine Fundevogel und ich gewaltige Eisblöcke auf die Wiese und er jubelt während er sie zerhackt, zersägt, zerbohrt. Entfesselt, befreit und läuft am nächsten Tag doch wieder weg, ohne Jacke, aber zum Glück schnell wieder eingesammelt.

Dann ernten wir unseren Grünkohl.

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Vorzeitig

Zeit für Weihnachtsgeschichten

„Und? Was hat er gesagt?“, flüstert Søren, der Elch.

„Er ist dagegen, habe ich euch doch gleich gesagt. Wenn wir erst mit solchen Vorzeitigkeiten anfangen, sagt er, werden die Menschen noch anspruchsvoller und dann zieht es sich bald übers ganze Jahr. Außerdem könnten sich die Eltern dank dieses neumodischen Onlinebestellgedöns auch selbst drum kümmern“.

„Wenn wir es machen, ist es was anderes.“

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Advent hinter Glas

Nun hat das Virus, das sie in der Schule des Kleinen Fundevogels mit so freigiebig ausgeteilt haben, sich doch in die Leiber der anderen Nestbewohner geschlichen. Hätten wir die leuchtend roten PCR-Befunde nicht, würden wir uns für leicht erkältet halten, schniefen so ein bisschen herum und haben schlechte Laune unterschiedlichen Schweregrades. Haben wir uns doch eine Quarantänekette exakt vom ersten Adventswochenende bis zum zweiten Weihnachtstag eingehandelt.

Da bekommen die Päckchen am Adventskalender eine ganz neue Bedeutung, Türchen für Türchen der langen Wanderung durch das Dezembergrau entgegen, meine Hühner Mehlwürmer aus den Händen picken fühlen, nach den Bienen schauen, nach Cardámines Garten. Und natürlich Heilgabend Spätschicht arbeiten. Ja, ich kann es kaum erwarten.

Wann wurde sie mir das letzte Mal lang die Zeit im Advent? Shoppen und Schulweihnachtsfeiern schwänzen macht zwar Spaß, aber nicht um den Preis des Draußenseins.

So gut genutzt worden ist unser Nest noch nie, der Kleine Fundevogel hat duch Monopoly in Dauerschleife besser rechnen gelernt als in der Schule, kennt alle 36 Vögel des Memorys mit Namen und Kopfstand können wir beide bald.

Und als erstes lese ich morgens den ABC-Etüdenadventskalender (da kommt auch noch ein Türchen aus diesem Hause zu …) und später am Tag schauen wir Frau Stachelbeermonds Engelchen beim Geschenkeauswickeln zu.

Der Erzählvogel ist heiser, krächzt bloß in Fragmenten, aber da Vögel kein Corona bekommen können und wir hier neben den Coronaregeln strengste Vorsichtsmaßnahmen zur Abwehr der ebenfalls grassierenden Geflügelpest einhalten, hat vermutlich auch er in erster Linie schlechte Laune.

Die Fee liegt wohl behütet an einem geheimen Ort im Winterschlaf.

Ob man die Coronazustände in diesem Nest als Reklame für (wie versprochen zumindestbis dato asymptomatische bis leichte Verläufe) oder wider das Impfen (ist doch bekannt, die Impfung ist unwirksam) liest, hängt wahrscheinlich von der jeweiligen im Laufe dieses Jahres erworbenen und fest einbetonierten Meinung ab.

Einstellungen, die einander anfunkeln wie katholisch und protestantisch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wie Lebensschützer gegen jene, die das Recht auf Abtreibung verteidigen, in ganz großen Glücksfällen wie die Fans von HSV und FC St.Pauli hier in der Hansestadt.

Der Austausch von Argumenten enthält kein Interesse an der Sicht des Gegenübers, sondern ist ein hoffnungsloser Versuch es zu bekehren, und weil der Bekehrten wenig sind, fallen da wie dort Begriffe wie irre, faschistoid, Gehirn abgegeben, unbelehrbar, asozial.

Verwirrt betrachtet die Frau Fundevogel das wuchernde Schisma um sie herum, sieht Freundschaften auseinandergehen, treu Lesende Blogs entfolgen, Menschen einander die Denkfähigkeit absprechen. Vernimmt den Ruf nach einem starken Staat, vernimmt den Ruf nach Aufruhr und Widerstand. Hört es Raunen von Verschwörungen, Umsturz und dem Ende der Demokratie.

Die Rede ist noch immer von einer Viruserkrankung.

Was wird kommen, wenn die wirklichen Einschränkungen in einer ihrer Ressourcen geplünderten Welt kommen werden, kommen werden müssen, weil es auch hier aus Vernunft und freiem Willen nicht klappt?

Dann gnade uns Gott bin ich versucht zu schreiben. Leider nur glaube ich selbst im Advent nicht an ihn, sondern gehe davon aus, dass wir Menschen auf diesem Planeten der so eindam durch das Weltall kreist, die Lösungen schon selbst entwickeln müssen.

Natürlich habe auch ich Meinungen zu alledem. Die Impfspritze kam nicht nachts heimlich zu mir ins Bett gehoppelt, der bin ich schon nachgerannt.

Und in vielen anderen Bereichen bin ich auch von dem ein oder anderem überzeugt.

Aber deswegen muss ich Andersdenkenden weder ihre Menschlichkeit noch ihre Denkfähigkeit absprechen, nicht mal die guten Absichten.

Gute Vorsätze , die ich hoffentlich spätestens morgen anwenden kann. Der Kleine Fundevogel hätte nach geltenden Coronaregeln seit heute wieder zur Schule gehen dürfen, ist er aber nicht. Erstens weil ich nicht weiß, wie er allein zum Schulbus kommen sollte, ohne den berühmten Verschwindetrick anzuwenden. Zweitens weil das Lehrerteam noch coronakrank daniederliegt und es ein Vertretungskonstrukt gibt, bei dem ich gar zu viel Raum für den Verschwindetrick ausmache und drittens weil ich gerne Klarheit über die Geschehnisse vor dem Coronaausbruch in der Klasse erhalten würde, ob es wirklich schon wochenlang Kinder mit positiven Tests an der Schule gab, weil ich mit der Schulleitung gern gemeinsam aussieben würde, was Gerücht ist und was wahr und weil ich mir vor allem für die Zukunft Transparenz wünsche, nicht nur in Bezug auf Corona

Transparenz kannst du in Waldorfschulen vergessen, sagt eine andere waldorferfahrene Mutter heiter, es scheint sie nicht zu stören.

Worte, die einen durchzucken wie ein auf Kälte reagierender Zahn. Wütend war ich so wütend vor zwei Wochen mit diesem positiven Test in der Hand.

Nie wieder schicke ich mein Kind zu diesen, zu diesen …

Nein, das Zitat lassen wir lieber weg. Und eine kleine Stimme in meinem Kopf erinnert mich, warum das Kind eigentlich auf diese Schule geht. Weil es die einzige war,die ihn gerne nehmen wollte, die bereit ist ihm realistische Bildungschancen zu bieten, weil er sich auf Anhieb dort wohl gefühlt hat, weil er noch immer gern hingeht.

Dafür bin ich über meinen erheblichen Waldorfschatten gesprungen und jetzt nehme ich noch mal Anlauf und hoffe auf ein gutes Gespräch zwischen zwei Schatten.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt, die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

Coronunlogisches

Am Donnerstag nun rief mich die Mutter eines Fundevogelmitschülers an, ihr Kind hätte Corona. Drei Mal durchatmen, der Kleine Fundevogel sieht ja ganz lebendig aus und so erstaunlich ist das in diesem Advent nicht, zumal die Schule die Maskenpflich recht großzügig auslegt. Erstaunlicher ist zu hören, dass morgens schon ein Kind der Klasse einen positiven Schnelltest hatte und von der Schule auf keinem meiner derzeit drei Telefone die geringste Nachricht zu finden ist.

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Pfützen (ABC-Etüde, Sommeredition)

Die Goldruten blühen, die Hühner mausern und wenn morgens der Wecker klingelt, müssen wir das Licht einschalten. Der Sommer ist zum Spätsommer geworden und es ist höchste Zeit die Sommerextraetüde in die virtuelle Welt zu entlassen. Sie ist nicht auf den letzten Drücker geschrieben, sondern begleitete mich die ganze Zeit wie ein mäandrierendes, verklausuliertes Tagebuch meines Sommers, auch wenn ich nichts aus der Geschichte erlebt habe, die Personen frei erfunden sind und ich noch lange nicht Großmutter bin.

Die Geschichte durfte so lang sein wie sie wollte und wurde in den letzten Tagen von übermäßig ausschweifend auf knapp achtfache Etüdenlänge zusammengekürzt.

Mindestens sieben der in der Graphik unten aufgelisteten Wörter mussten darin vorkommen, zehn sind es geworden, das Eigentor und das Wetterleuchten erlitten im Rahmen der Kürzung Platzverweise.

Und ein Gewässer musste vorkommen, ein real existierendes. Heikel wie eine Diva sah sich die Geschichte um, wo wir zu Fuß, per Fahrrad, Kanu oder Tretboot unsere Sommertage verbrachten: an der Berner Au, wo unser Garten liegt, auf der Außenalster, dem Kuhmühlenteich, am Oberlauf der Alster, an der Beste, der Trave und da wo die Pfingstbeek in die Ostsee mündet.

Siegerin war schließlich die Bille.

Meine Heimatstadt Hamburg liegt ja „an’ne Elbe, an’ne Alster, an’ne Bill'“, wobei die letztere die unbekannteste unter ihnen ist. Die Bille ist ein 65 km langer nördlicher Zufluß der Elbe. Sie entspringt bei Lienau in der Nähe von Trittau und durchfließt große Teile des Sachsenwaldes. Bei Reinbek ist sie zum Mühlteich aufgestaut, an dessen Ufer liegt ein Schloss, in Hamburg wird sie von vielen Brücken gequert, die wie in einem Kinderbuch Blaue Brücke, Rote Brücke, Braune Brücke …. heißen. Mitten in einem Industriegebiet mündet sie in Rothenburgsort bei der Brandeshofer Schleuse in die Elbe. Dort ist sie nur noch Industriekanal, aber im Sachsenwald fließt sie wild und unreguliert durch die Grundmoränen. Wir sind von Grande nach Aumühle am Fluß entlang gelaufen, die ganze Zeit durch den Wald. Eine Wanderung, die ich jeder und jedem ans Herz lege. In Aumühle gibt es dann bei Bedarf reichlich – ich glaube ziemlich teure – Restaurants und eine S-Bahnstation.

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Leerdrehende Glucke

364 Tage ist es nun her, dass ich diesen Blogbeitrag zum sechsten Fundevogelgeburtstag verfasst habe, nun steht wieder ein Kuchen im Ofen und ich warte händeringend auf ein Paket, das morgen gerne im Geschenkpapierkleid auf dem Frühstückstisch stehen dürfte. Corona ist nichts Besonderes mehr und meinen geschätzten Lesenden wird nicht entgangen sein, wie müde die Frau Fundevogel in diesem Jahr geworden ist.

Wie sie kämpft, um menschlich zu bleiben, nicht zu verdriften in einem Strudel aus Nörgelei und lasst micht doch alle in Ruhe.

Der Kleine Fundvogel und ich haben in diesem Jahr drei Hochbeete gemeinsam gebaut, ein Viertel Gartenhaus abgeschliffen und neu gestrichen, wir sind nach Nütschau gewandert, nach Ahrensburg, Großensee und Tremsbüttel und mehrfach nach Hamburg-Barmbe, mehrere spannende Kilometer an der U-Bahn lang. Im Naturschutzgebiet Höltigbaum werden wir uns nie wieder verirren. Wir haben die gesamte „Sams“-Reihe und viele andere Bücher gelesen. Er kann seit der Große Fundevogel für die Prüfungen lernen muss, jeden Tag meht Englisch und wie ein gelernter Kellner Teller einsetzen und ausheben – so heißt Tisch auf- und abdecken, wenn man das studiert. Auch ich lerne dazu.

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Fremde Federn 4 – und impflich Befindliches

„Man soll sich mit fremden Federn schmücken, solange man welche hat“, steht auf einem Kühlschrankmagneten.

Dieser Text enthält Links zu Websites, denen ich vertraue. Dass auch dort Daten von Ihnen gespeichert werden, ist Ihnen sicherlich bewusst.

Vorweg, weil ich jetzt so oft gefragt worden bin: Ich habe Anfang der Woche meine erste Coronaimpfung bekommen, bei meinem Arbeitgeber, nicht in einem Impfzentrum. Es war eine Impfung wie jede andere auch, desinfizieren, pieken, Pflaster drauf, nur vorher noch fünf Seiten Aufklärung lesen, ausfüllen und unterschreiben. Hinterher habe ich mich zwei Tage lang gefühlt, als ob ich jetzt gleich krank würde, aber nun scheint der Körper damit durch zu sein.

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3. Mai 2020 (ABC-Etüde, Sommeredition)

Sommer ist es, diesmal wieder mit Regentagen, besänftigend ist das und den Schnecken leider ein Jubelfest.

Keine vertrauten 300-Wörter-Etüden derzeit.

Stattdessen lädt Christiane zur Sommergeschichte ohne Limit, dafür mit mindestens sieben aus zwölf kunterbunt zusammengespendeten Wörtern, die auf der ebenfalls von Christiane gestaltetet Graphik zu finden sind, die von mir rausgepickten habe ich nicht „gefettet“, wie Olpo so schön sagt, weil mich das immer beim Lesen irritiert. Und ein Ort auf Erden sollte darin erkennbar sein, es wurden mehrere. Weiterlesen

Feentanz — Julian und Cardámine 62

Langsam wird so manches besser. Die Feen tanzen wieder und der Kleine Fundevogel ist in der Kita zwar noch immer nicht erwünscht – aber der Bauspielplatz hat zumindest für sechs Kinder gleichzeitig wieder offen. Zwei Stunden am hellichten Tage ohne jede Verantwortung – meine Ohren klingen noch immer von dieser Stille und der Kleine Fundevogel schläft angefüllt mit Seligkeit. Weiterlesen