Von Geburt und Torte (ABC-Etüde plus Backrezept)

Das Junikind wurde im Regen geboren. In den Stunden des Wartens auf Geschehnisse, die nicht kamen, sah ich abgeblühten Kastanienblüten beim zerregnet werden zu. Als das Kind dann endlich da war, gab es unzählige Sträuße Pfingstrosen und aus dem kalten Juni wurde einer der heißesten Sommer seit Menschengedenken, jedenfalls aus damaliger Sicht. Das neue Jahrtausend hat später neue Maßstäbe gesetzt.

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DD (ABC-Etüde)

In der Grundschulzeit hatte Svenja noch nicht mitgetan, wenn die anderen zwischen Dallrupps Häusern Verstecken mit Abschlag spielten, so gut lief sie nicht, nicht mal drei freie Schritte bekam sie damals hin, steuerte gerade aufs ewige Außenseiterinnentum zu. Vergiss‘ diese Kinder, sie würden dich eh nur ärgern, tröstete Mutti sie. Hart kämpfte Svenja, das undankbare Stück, um sich aus ihrer klebrigen Hülle Fürsorge zu befreien.

Mit der neuen Gehhilfe schaffte sie es zu den Baracken, diesem Schandfleck, der endlich abgerissen gehört, vorzudringen.

Mit Melanie musste sie nicht rennen. Die hatte ihre Barbies mit. Im Gebüsch spielten sie „weggelaufene Kinder werden von der Polizei verhauen“ und das wog allen Ärger und Muttis Sorgentränen tausendfach auf.

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Aufgetaucht

… ist der russische Osterhase!

Er war nie fort, sondern lag Jahre, Jahrzehnte in einem Keller in einer Schachtel ungenutzten Osterschmucks. Seine Fliege musste wieder angeklebt werden. Die Ohren haben diese Prozedur offensichtlich schon hinter sich. Sonst isr er unversehrt. Ein Hoch auf all‘ jene, die nicht der Heiligen Kuh des Ausmistens huldigen.

Die, die ihn verwahrte, kannte seine Geschichte nicht. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihren Enkeln mehr anvertrauen als ihren Kindern. Vieles was ich über meine Mutter weiß, erzählte mir zuerst mein Sohn. Erst dann konnten auch wir darüber reden.

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Am Osterfeuer

Gestern erzählte ich hier die Geschichte vom russischen Osterhasen, der vermutlich ursprünglich gar kein Osterhase war, da es diese Tradition in Russland nicht gibt, sondern einfach ein hölzerne Hasenfigur.

Es gab ihn wirklich und die Geschichte handelt vom Vater meines Vaters, wenn ich das in der Geschichte auch eher vage gelassen hatte, das Drumherum war zum Teil anders, es gilt Persönlichkeitsrechte zu waren und Verletzungen nicht offen zu legen.

Überwältigt hat mich eben die Kommentarspalte, die Sammlung von dargebotenen persönlichen Erinnerungen, die Großväter aus Krieg und Kriegsgefangenschaft mitgebracht haben.

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Der russische Osterhase

Damals als sie das Haus auflösten, hätte er den russischen Osterhasen vermutlich einfach mitnehmen dürfen. Aber er hatte überhaupt nicht an ihn gedacht.

Weggeworfen hatten sie kaum etwas, vielleicht hatte der Opa den Hasen in die kleine Wohnung noch mitgenommen, denn er hatte ihm wohl mal viel bedeutet.

Jahrzehnte nach Opas Tod schien der Osterhase verloren. Weder seine Geschwister noch seine Cousinen wussten, was aus ihm geworden war.

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Die Verschwörung der Dinge (ABC-Etüde)

Die neue Ärztin, so eine mit einem Zopf, aus dem keine einzige Strähne zippelt, behauptet ich würde dement.

Das ist Blödsinn. Ich war immer so. Von Anfang an haben mir die Dinge den Krieg erklärt.Trotzdem habe ich studiert, im Ausland gearbeitet, eine Tochter großgezogen, Bücher geschrieben, einen Bioladen geführt…

All das ist mir ohne nachhaltige Katastrophen gelungen und ich sage Ihnen, das war ein hartes Stück Arbeit.

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Die Schutzglocke

Laut – lauter – Kleiner Fundevogel,

ein Zitat des großen Bruders, der es wissen muss. Mit dem Klarnamen des Kleinen Fundevogels hört es sich noch überzeugender an.

Der Kleine Fundevogel ist laut.

Immer.

Am Ende des Tages ist das anstrengender als alle seine anderen originellen Verhaltensweisen zusammen.

Kinder sind laut, wenn sie toben, wenn sie rennen, wenn sie spielen, wenn sie lachen.

Dass muss so.

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Der Doktor und sein Äffchen (ABC-Etüde)

Eine Geschichte so oft gehört, dass sie Teil der eigenen Erinnerung wurde. Erst beim Aufschreiben, fallen die Lücken zwischen den vertrauten Wörtern auf.

Der Sohn des Doktors und mein Vater waren Schulfreunde, soviel ist sicher. Wann und warum sie sich aus den Augen verloren, ist kein Teil der Geschichte.

Der Doktor leitete die gynäkologische Abteilung des örtlichen Krankenhauses.

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Erinnerungsglitzer

Es gibt so Erinnerungen, die trägt hoffentlich jeder und jeder in einem Schatzkästchen voller glitzernder Kleinode mit sich herum. Manchmal fällt ein Wort im Gespräch, flackert ein Song auf oder ein Geruch, und dann gibt es nichts Notwendigeres als den Kästchendeckel hochzuklappen, die Kostbarkeiten entweder still frohlockend zu betrachten oder stolz im Kreise der Anwesenden herumzureichen.

Diese Erinnerung weckte das seltsame, irgendwie beschämende Gefühl nichts mit einer Geschichte anfangen zu können, die offensichtlich allen anderen sehr gut gefiel.

Nikolai (Name geändert) war sechs oder sieben Jahre alt, Erstklässler, frisch aus Sibirien nach Hamburg verpflanzt, sein flinker Geist überholte im Gespräch immer wieder seine noch im Wachstum begriffenen Deutschkenntnisse.

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Eine Sammlung unsortierter Erinnerungen – geweckt durch aktuelle Diskussionen

Seit 1989 arbeite ich auf „meiner“ Station, dreißig Jahre sind es dennoch nicht, denn ich war nicht durchgehend dabei, aber doch gut die Hälfte meines Lebens, ich fühle mich dort zuhause.

„Meine“ Station ist eine interdisziplinäre Intensivstation für Kinder von null bis achtzehn Jahren, es gibt sie seit 1985.

Seit ihrem Bestehen dürfen die Eltern Tag und Nacht zu ihren Kindern, war das damals fortschrittlich. Heute ist alles andere vorsintflutlich.

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