Schreimutter

In unseren Haushalt hat sich ein Buch („Schreimutter“ von Jutta Bauer, erschienen bei Beltz&Gelberg) geschlichen. Ich finde die Geschichte schrecklich, aber der Kleine Fundevogel möchte sie dauernd vorgelesen bekommen:

Eine Pinguinmutter schreit ihr Kind so heftig an, dass es auseinanderfliegt. Die einzelnen Körperteile fliegen in alle Himmelsrichtungen, landen im Meer, im Dschungel, sogar im Weltall. Nur die Füße sind noch da und rennen verzweifelt los –  ohne Augen, die sehen könnten, ohne Schnabel, der um Hilfe schreien könnte, nicht einmal Flügel hat er mehr, mit denen er ängstlich flattern könnte.

Schreimutter sammelt alle Teile ein, näht ihr Kind wieder zusammen und sagt „Entschuldigung“. Damit soll alles wieder gut sein. Flügel in Flügel stehen sie sichtbar vergnügt an der Reling eines irgendwie fliegenden Schiffes. Als sei nichts geschehen.

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.

Mir schnürt es beim Lesen den Hals zu.

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Nächtliches Intermezzo

In der Stunde, in der der Schutzmantel der Seele am durchlässigsten ist, in der Stunde der Nachtgespenster, werde ich wach. Durchs geöffnete Fenster faucht der Wind, die Baumkronen, die unser Zuhause im zweiten Stock so wundervoll umkränzen, sind in ächzender Aufruhr.

Hat mich das geweckt? Oder waren es die zwei eisekalten Füßchen, die sich unter mein Nachthemd schieben, die ebenso klammen Händchen, die sich um meinen Nacken legen?

Was ist das?, fragt ein banges Stimmchen.

Und ich antworte, was Eltern seit Menschengedenken ihren Kindern antworten, wenn sie wach werden, in den Stunden, in denen die Gespenster unterwegs sind: Es ist nichts, es ist nur der Wind. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Und hör mal: Es regnet. Weiterlesen

Ein Versuch dem Gesundheitssystem Kosten zu ersparen

Es ist bekannt und Thema unendlich vieler verzweifelter Texte, wie zermürbend es sein kann, dringend benötigte Therapien oder Hilfsmittel zu bekommen.

Die Kosten! Die raren Plätze! Und noch einmal die Kosten.

Also dachte ich, man würde mich mit großem Wohlwollen, wenn nicht mit Beifall empfangen, wenn ich eine Therapie, genauer gesagt die Therapie meines Kindes, beenden möchte. Therapieplatz frei! Kosten gespart! Halleluja!

Auf jeden Fall habe ich es mir ganz unkompliziert vorgestellt.

Und habe mich mal wieder ziemlich geirrt. Weiterlesen

Brilles Abwege

Am Samstagmorgen nun ist Brille weg, irgendwie zwischen gemütlichem Wochenendmorgenvorlesen und Aufstehen verschwunden. Das ist nicht besonders aufregend, Brille ist die geborene Abenteurerin. Solange wir wissen, wo Ersatzbrille ist, die zwar veraltet und nicht optimal ist, aber den Kleinen Fundevogel vor Kollisionen mit dem Türrahmen bewahrt – das passiert wirklich – , ist alles gut. Ich schüttel ein bisschen am Bettzeug herum und schlüpfe für alle Fälle in einen Gummihandschuh, nein in den Abflussrohren der Toiletten ist Brille dieses Mal nicht gelandet und wenn doch, ist es schon zu spät.

Meistens taucht Brille so unvermutet wieder auf, wie sie verschwindet, bevorzugt an Plätzen, an denen man schon dreimal nach ihr gesucht hat.

Sonntagmorgen genießen der Kleine Fundevogel, Ersatzbrille und ich wieder das vorlesende Faulenzerglück, bis mir plötzlich etwas einfällt.

Fundevogel, sage ich, Brille muss wieder her, wir haben morgen einen Termin beim Augenarzt.
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Weihnachten – nichts für Weicheier

Weihnachten ist weitgehend vorbei. Ganz vorbei wird es sein, wenn der Weihnachtsbaum meinen Schreibtisch verlässt und keine Schokoladenweihnachtsmänner mehr als morgendlicher Brotbelag zur Verfügung stehen. Und wenn der Kleine Fundevogel wieder schläft.

Er wirkt so unbekümmert, Hänschen klein ging allein die weite Welt hinein, keinen Blick zurück wirft er, wenn eine Schiebetür sich auftun könnte, ein Schalter lockt, eine Fahrstuhltür, ein Hund. Völlig unbefangen geht er auf Wildfremde zu, erzählt ihnen was ihm gerade durch den Kopf geht, fordert ohne eine Spur des Unbehagens im Bus Fahrgäste auf, ihm diesen, ja genau diesen von ihm erwünschten Platz freizugeben (nein, das erlaube ich nicht). Weiterlesen

Ewigkeitssonntag, Etüden, Ergebenheit

Totensonntag, Ewigkeitssonntag, das protestantische Pendant zu Allerseelen, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Ich glaube noch immer nicht an Gott, aber der Rhythmus des Kirchenjahres gibt Takt. Auf dem Frühstückstisch sollen wie jedes Jahr Kerzen brennen für die, die im Umkreis des Nestes gestorben sind, ob sie nun Menschen waren, Fell oder Federn trugen. Weiterlesen

Anderer Blick

Die Auszubildende der Kita fragt, ob sie den Kleinen Fundevogel zum Objekt einer Hausarbeit machen darf. Und ob sie dafür Fotos machen darf.

Sie darf.

„Gucken Sie mal, voll süß geworden“, strahlt sie und schenkt mir Abzüge der Fotos. Liebevoll fotografiert, denke ich.

Ein paar Wochen später strahlt sie noch mehr: Bestnote! Ob ich ihre Hausarbeit vielleicht lesen möchte? Weiterlesen

Die kleine Schwester der Zauberei

Auf meinen Text von vorgestern über den Großen Fundevogel und auch auf den über den Kleinen vom Sommer bekam ich schöne und herzwärmende Kommentare.

Dafür noch einmal den allerherzlichsten Dank.

Und mag es sich auch ein wenig verrückt anhören, nicht nur die Kommentare, auch die Texte erwärmen mein eigenes Herz, das sich nach Wärme sehnt, denn auf meinem Herzen lässt die Schwere sich gerade gern nieder, sitzt da immer mal wieder wie eine riesige, klamme, schleimende Nacktschnecke. Weiterlesen

Im Kastanienmeer

Plötzlich liegt die erste auf dem Gehweg. Wie magnetisch angezogen streckt man die Hand nach ihr, hebt sie auf und lässt die glatte Oberfläche der Hand schmeicheln, fährt wenn keiner guckt seidenweich mit ihr durchs Gesicht, schnuppert kurz, steckt sie in die Tasche und lässt sie im Bus wieder und wieder durch die Hände gleiten und weiß: Der Sommer ist unwiderruflich vorbei. Weiterlesen