Brilles Abwege

Am Samstagmorgen nun ist Brille weg, irgendwie zwischen gemütlichem Wochenendmorgenvorlesen und Aufstehen verschwunden. Das ist nicht besonders aufregend, Brille ist die geborene Abenteurerin. Solange wir wissen, wo Ersatzbrille ist, die zwar veraltet und nicht optimal ist, aber den Kleinen Fundevogel vor Kollisionen mit dem Türrahmen bewahrt – das passiert wirklich – , ist alles gut. Ich schüttel ein bisschen am Bettzeug herum und schlüpfe für alle Fälle in einen Gummihandschuh, nein in den Abflussrohren der Toiletten ist Brille dieses Mal nicht gelandet und wenn doch, ist es schon zu spät.

Meistens taucht Brille so unvermutet wieder auf, wie sie verschwindet, bevorzugt an Plätzen, an denen man schon dreimal nach ihr gesucht hat.

Sonntagmorgen genießen der Kleine Fundevogel, Ersatzbrille und ich wieder das vorlesende Faulenzerglück, bis mir plötzlich etwas einfällt.

Fundevogel, sage ich, Brille muss wieder her, wir haben morgen einen Termin beim Augenarzt.
Weiterlesen

Werbeanzeigen

Weihnachten – nichts für Weicheier

Weihnachten ist weitgehend vorbei. Ganz vorbei wird es sein, wenn der Weihnachtsbaum meinen Schreibtisch verlässt und keine Schokoladenweihnachtsmänner mehr als morgendlicher Brotbelag zur Verfügung stehen. Und wenn der Kleine Fundevogel wieder schläft.

Er wirkt so unbekümmert, Hänschen klein ging allein die weite Welt hinein, keinen Blick zurück wirft er, wenn eine Schiebetür sich auftun könnte, ein Schalter lockt, eine Fahrstuhltür, ein Hund. Völlig unbefangen geht er auf Wildfremde zu, erzählt ihnen was ihm gerade durch den Kopf geht, fordert ohne eine Spur des Unbehagens im Bus Fahrgäste auf, ihm diesen, ja genau diesen von ihm erwünschten Platz freizugeben (nein, das erlaube ich nicht). Weiterlesen

Ewigkeitssonntag, Etüden, Ergebenheit

Totensonntag, Ewigkeitssonntag, das protestantische Pendant zu Allerseelen, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Ich glaube noch immer nicht an Gott, aber der Rhythmus des Kirchenjahres gibt Takt. Auf dem Frühstückstisch sollen wie jedes Jahr Kerzen brennen für die, die im Umkreis des Nestes gestorben sind, ob sie nun Menschen waren, Fell oder Federn trugen. Weiterlesen

Anderer Blick

Die Auszubildende der Kita fragt, ob sie den Kleinen Fundevogel zum Objekt einer Hausarbeit machen darf. Und ob sie dafür Fotos machen darf.

Sie darf.

„Gucken Sie mal, voll süß geworden“, strahlt sie und schenkt mir Abzüge der Fotos. Liebevoll fotografiert, denke ich.

Ein paar Wochen später strahlt sie noch mehr: Bestnote! Ob ich ihre Hausarbeit vielleicht lesen möchte? Weiterlesen

Die kleine Schwester der Zauberei

Auf meinen Text von vorgestern über den Großen Fundevogel und auch auf den über den Kleinen vom Sommer bekam ich schöne und herzwärmende Kommentare.

Dafür noch einmal den allerherzlichsten Dank.

Und mag es sich auch ein wenig verrückt anhören, nicht nur die Kommentare, auch die Texte erwärmen mein eigenes Herz, das sich nach Wärme sehnt, denn auf meinem Herzen lässt die Schwere sich gerade gern nieder, sitzt da immer mal wieder wie eine riesige, klamme, schleimende Nacktschnecke. Weiterlesen

Im Kastanienmeer

Plötzlich liegt die erste auf dem Gehweg. Wie magnetisch angezogen streckt man die Hand nach ihr, hebt sie auf und lässt die glatte Oberfläche der Hand schmeicheln, fährt wenn keiner guckt seidenweich mit ihr durchs Gesicht, schnuppert kurz, steckt sie in die Tasche und lässt sie im Bus wieder und wieder durch die Hände gleiten und weiß: Der Sommer ist unwiderruflich vorbei. Weiterlesen

Ressource auffälliges Kind

Zur Vorgeschichte:Dabei sein kostet extra

Dreitausendsechshundertsiebenundneunzig.

So viel Geld bekommt die Kindertagesstätte von nun an monatlich für die Betreuung des kleinen Fundevogels. Ein externer Gutachter bestätigte den Bedarf, den der Kindergarten sah und wir erhielten einen neuen Kita-Gutschein. Die Kündigung vom letzten Jahr ist hinfällig.

Der „Familienanteil“ dieser stolzen Summe beträgt lächerliche fünf Euro, alles andere bezahlt die „öffentliche Hand“, also auch viele meiner geschätzten Leserinnen und Leser, recht herzlichen Dank an dieser Stelle dafür.

Und was bekommt der kleine Fundevogel für das viele Geld? Weiterlesen

Dabei sein kostet extra

Aus dem Kindergarten geflogen. Nach gerade mal drei Monaten. Von einem Integrationsplatz. Wegen „Fremd- und Eigengefährdung“. Mit drei Jahren.

Das können wir nicht leisten!“, sagt die Kitaleitung. Das ist das jüngste Fundevögelchen.

Mein heißgeliebtes, lautes, widerspenstiges, experimentierfreudiges, gefühlt nie schlafendes, haarereißendes, eigenwillig seiner Wege gehendes Kind. Seiner Wege gehend ist nicht metaphorisch gemeint: Der kleine Unruhegeist lässt sich selten von Türen und Zäunen aufhalten, von Verboten und Erklärungen eigentlich nie. Wirksam sind bislang nur Schlösser, unsere Wohnung gleicht einer Burg. In der Kita passen Schlösser nicht ins Konzept. Damit begründet sich die Eigengefährdung.

Mit einer Höherstufung des Förderplatzes, also mit deutlich mehr als den gut 1600 Euro monatlich, die sie zurzeit für sechs Stunden täglich (von denen das Kind vier Stunden in Anspruch nimmt) erhalten, würden sie das vielleicht doch leisten können. Weiterlesen