Neujahrsbegegnung

Eng an ihre Mitfeen gekuschelt lag Cardámine in ihrem weichen Winterlager, dicht hatten sie ihre Nester gepolstert mit Rohrkolbensamen, aus Stacheldrahtzäunen geklaubter Schafwolle und dem geschnittenen Haar ihrer menschlichenn Feunde Cardámine, die Wachste und Neugierigste, die seit Feengedenken geschlüpft war, war in jedem Jahr die erste, die aus dem Winterschaf erwachte, wenn die Temperaturen stiegen und das Herz ihrers wechselwarmen Körperchens schneller zu schlagen begann. Wenn feuchte Luft mit einer Ahnung von Wärme in ihren Kobel drang und eine frühe Hummel oder Biene vorbeisummte, wachte sie auf, schaute manchmal auf Reste tauenden Schnees, schnupperte an den Spitzen der ersten Frühblüher und grüßte die Eisvögel und Kormorane, die nur Wintergäste an der Au waren. Wurden die Tage wieder kälter, legte sie sich neben ihre Gefährtinnen, die wenn sie denn endlich erwachten, milde zweifelnd den Wintergeschichten ihrer Freundin lauschten.

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Nationalfeiertag

Was feiern wir heute genau, fragt unser neuer Mitbewohner, und ich erzähle in jenem seltsamen deutsch-englisch-spanischem Sprachmix, der sich hier als lingua franca einzubürgern droht, was hier los war, als ich so alt war wie er.

Er glaubt mir, dass es eine spannende Zeit war, eine Zeit des Aufbruchs, der Hoffnung auf neue Ideen.

Ich merke, dass ich die große Angst, die ich damals gleichzeitig hatte, nicht vermitteln kann, die Angst vor einem Deutschland, das mit seiner wirtschaftlichen und politischen Stärke nicht gewaltfrei umgehen kann, einem Deutschland , das seinen Hals wieder nicht voll genug bekommen kann.

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Kein Applaus (ABC-Etüde)

Die gelben Kittel knistern bei jeder Bewegung. Ehe das Zimmer halb fertig ist, rinnt einem der Schweiß unterm Plastik den Rücken hinunterIrgendwas liegt da, nicht das übliche Verpackungszeugs, das die Schwestern erstaunlich achtlos auf den Boden fallen lassen. Das Faceshield macht die Vorzüge der Gleitsichtbrille zunichte. Abnehmen soll man das sperrige Ding lieber nicht. Seit ich fertig geimpft bin, habe ich allerdings nicht mehr solche Panik, weil dann ist es wohl mehr wie eine Erkältung.

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Gedankenrieseln zwischen den Jahren

Die Quarantäne ist auch für das letzte Nestmitglied vorbei. Nun sind Weihnachtsferien. Der Erzählvogel sitzt geduldig neben einem Winterkormoran hoch in der Birke und passt auf, dass die Frau Fundevogel nicht in die Versuchung kommt ihre unsterbliche Seele an wen auch immer zu verkaufen, bloß für ein paar Stunden mit sich allein.

Um meine Regentonnen habe ich gebangt in den Tagen, in denen der Garten unerreichbar war, aber sie scheinen dem Frost getrotzt zu haben. Nun da es taut, kippen der Kleine Fundevogel und ich gewaltige Eisblöcke auf die Wiese und er jubelt während er sie zerhackt, zersägt, zerbohrt. Entfesselt, befreit und läuft am nächsten Tag doch wieder weg, ohne Jacke, aber zum Glück schnell wieder eingesammelt.

Dann ernten wir unseren Grünkohl.

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Coronunlogisches

Am Donnerstag nun rief mich die Mutter eines Fundevogelmitschülers an, ihr Kind hätte Corona. Drei Mal durchatmen, der Kleine Fundevogel sieht ja ganz lebendig aus und so erstaunlich ist das in diesem Advent nicht, zumal die Schule die Maskenpflich recht großzügig auslegt. Erstaunlicher ist zu hören, dass morgens schon ein Kind der Klasse einen positiven Schnelltest hatte und von der Schule auf keinem meiner derzeit drei Telefone die geringste Nachricht zu finden ist.

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Eine Art Nestbeschmutzung (ABC-Etüde)

Nach dem wunderbaren Etüden-Adventskalender, der mir wirklich große Freude bereitet hat, starten die Etüden wieder im „Normalbetrieb“, etwas das ich vom Nest nicht behaupten kann. Keine Schule für den Großen Fundevogel, sondern Digitalunterricht, dem er ohne mich an seiner Seite komplett hilflos ausgeliefert wäre. Keine Kita, kein Bauspielplatz für den Kleinen Fundevogel, der nach jeder fachlichen Einschätzung im Wachzustand Nonstopaufsicht braucht. Fällt da jemanden etwas auf?

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Eine Sammlung unsortierter Erinnerungen – geweckt durch aktuelle Diskussionen

Seit 1989 arbeite ich auf „meiner“ Station, dreißig Jahre sind es dennoch nicht, denn ich war nicht durchgehend dabei, aber doch gut die Hälfte meines Lebens, ich fühle mich dort zuhause.

„Meine“ Station ist eine interdisziplinäre Intensivstation für Kinder von null bis achtzehn Jahren, es gibt sie seit 1985.

Seit ihrem Bestehen dürfen die Eltern Tag und Nacht zu ihren Kindern, war das damals fortschrittlich. Heute ist alles andere vorsintflutlich.

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Anemona — Julian und Cardámine 10

Es braucht überhaupt kein Corona, um als Krankenschwester hopplahopp angerufen und angefleht zu werden, ob man nicht eben bitte, bitte zwei Stunden später zur Spätschicht erscheinen könnte. Das ist ganz normal. Nur hält das normalerweise niemand für applaudierenswert, sondern für schön blöd so einen Job zu machen.

Daher heute nur müde Grüße Weiterlesen

Coladose — Julian und Cardámine 4

Das Krankenhaus, von dem alle anerkennend mutmaßen, dass ich in diesen Tagen den Großteil meine Zeit dort aufopferungsvoll verbringe, liegt noch immer im Habachtsdämmerschlaf und die Leitung bittet darum Überstunden abzubauen.

Noch ist es so, wispert es in den Gängen, bleibt leise, um den Drachen nicht zu wecken. Vielleicht schläft er sich ja einfach aus, vergisst unsere Stadt und die Kapazitäten der Universitätskliniken werden ausreichen, um  alle krank Gewordenen zu versorgen. Weiterlesen

Kringelzeiten und Aprilfeen

Ist es momentan dekadent die vom Kind liegen gelassenen Nudeln an die Hühner zu verfüttern? Wo Nudeln doch zurzeit so schwer zu bekommen sind.

Nicht der einzige sonderliche Gedanke, den die letzte Zeit hervorgebracht hat.

Im Nest herrscht gewissermaßen Ausnahmezustand deluxe, wir sind einigermaßen gesund, verfügen über ein krisenfestes Einkommen und die innere Stabilität über seltsame Kinderverhaltensweisen weder gewalttätig noch mutlos zu werden, vom Dach über dem Kopf und dem Schrebergarten in der Nähe ganz zu schweigen.

Keine Termine bei Jugendämtern, Theapieeinrichtungen, Diagnostikern, Schulämtern, alles was so wichtig für unser Leben gewesen sein soll, so unverzichtbar, dass der Frau Fundevogel mit dem Jugendamt gedroht werden muss, weil sie den Therapiewald auslichten wollte, hat keine Relevanz mehr. Weiterlesen