Aus dem Nestalltag (für das Projekt Alltag von Ulli Gau)

Ulli Gau aus dem schönen Café Weltenall (es gibt so wunderbare Blognamen!) lädt ein, einmal im Monat über den Alltag zu schreiben, also über das, was wir den ganzen Tag wirklich tun, das was unser Leben am Leben hält, wenn wir die Zeit auch — häufig theatralisch seufzend — gern mit anderem verbringen würden.

Was dem einen Alltag ist, kommt der anderen oft gar wunderlich vor. So habe ich mir einen eher ungewöhnlichen und für meinen Teil auch ungeliebten Aspekt des Fundevogelnestalltags herausgepickt.

z-a-alltag-1-001-10-2018

Ich knie in ziemlich unvorteilhafter Stellung halb unter dem Waschbecken, schraube das Abflussrohr auf und denke dabei an eine Kurzgeschichte von Doris Dörrie, in der die Ich-Erzählerin Milch in einen Kochtopf schüttet, ohne abzumessen füllt sie genau die Portion ein, die in die Nuckelflasche ihrer Tochter passt und resümiert: Man erwirbt als Mutter merkwürdige Fähigkeiten.

Ich hantieren mit der Rohrzange mittlerweile wie eine gelernte Klempnerin, diesmal ist es nicht nur eine, gleich zwei Kinderzahnbürsten wurden tief ins Abflussrohr hineingebohrt. Ich werfe sie weg, schraube das Rohr wieder zusammen, wische den Boden und nehme mir zum x-hundertsten Male vor das Bad wirklich immer abzuschließen.

Denn hier wohnt einer, der macht kaputt. Nicht aus Versehen, sondern sehr zielstrebig, manchmal auch wie im Vorbeigehen, mit einer gewissen Eleganz sogar, weil … ja warum eigentlich?

Es wird Gründe geben und es gibt auch Strategien. Aber heute geht es weder um das Warum noch um das Was-dagegen-tun, sondern um den Alltag, der ist.

Um die ewig abgebrochenen Fahrradlampen, um die zerrissenen Lieblingsbücher, die heimlich darum vergossenen Tränen, um die zerschnittenen Tischdecken, die tiefen Hackspuren im Holz der Möbel, die in Sekunden platt gedrückten Filzstiftspitzen, das gesplitterte, ach so solide und entsprechend teure Holzspielzeug, das auch ganz hervorragend das dünne Glas der Zimmertüren durchschlagen kann.

Und um Pflanzen — meinen  wundesten Punkt. Letztes Jahr, als die Iris eben erblüht war und schon sinnlos zermatscht, da habe ich gekreischt. Und er hat geweint.

Glaube keiner, einer von beiden habe etwas daraus gelernt.

Die Zerstörungen sind mein Stachel im Alltag. Alles abschließen, hoch lagern, verstecken, permanent auf der Hut sein, all das ist mir so fremd, bin immer zu langsam, niemals vorausschauend genug. Ich bin nicht gut im Beschützen der Dinge. Schon stellt sich die Frage: Reparieren oder Wegschmeißen? Gar trübselige Halden entstehen, wenn bei der Beantwortung dieser Frage gezaudert und weder das eine noch das andere getan wird.

Scherben aufzuheben soll man sich ersparen, egal ob die verschwundene Freundin das Teil getöpfert hat oder wer auch immer. In Scherben ist nichts das, was es einmal war. Ich sollte jetzt in den Keller gehen und die Petroleumlampe, aus dem Haus, das ich liebte, entsorgen, diese Splitter werden geklebt nie wieder die geliebte Hausatmospäre erzeugen, also werde ich sie niemals kleben, ich bin nur zu feige das zuzugeben.

Am meisten Jammer verursacht mit gar nicht das Zerstörte, es ist die Zeit, die draufgeht für das Wischen, das Reparieren, das Ersatzteile besorgen, Gebrauchsanweisungen dechiffrieren und Hausmeister becircen.

Und die Wucht des eigenen Zorns kann so demütigend sein.

Der Knirps selbst trauert nicht um das Zerstörte, ist kaputt halt. Er hält ein Geschenk in den Händen, kurz nach Weihnachten erst. Ihm gefällt das Geschenk, es blinkt, es macht Geräusche. Interessiert lächelnd fragt er: Kann man das kaputt machen ?

Wer hat das schon wieder kaputt gemacht?, fauche ich. Ich!, sagt er und strahlt.

Er ist arglos, nicht perfide, wie jener Mensch, der der Herzensfreundin das Kabel ihres elektrischen Rollstuhls durchschnitten hat. Im verschlossenen Treppenhaus ist das geschehen, kein Fremder wird das gewesen sein, sondern ein Nachbar, der zu feige war, sein Missfallen über den geplanten behindertengerechten Umbau der Wohnung zu äußern.

Das nenne ich bösartig.

Bösartig nenne ich es auch, mal so eben einen der wenigen wirksamen Abrüstungsverträge, den INF -Vertrag, zerbrechen zu lassen und ohne Not den ohnehin schon bedrohten Planeten zu einem noch gefährdeteren Ort zu machen.

Das sind Dinge, die der Aufregung wert sind.

Zuhause im Nest habe ich die Hoffnung irgendwann auf das tägliche Beschützen der Dinge zurückzuschauen und zu sagen: Das war einmal unser Alltag – so ähnlich wie wickeln.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

10 Gedanken zu “Aus dem Nestalltag (für das Projekt Alltag von Ulli Gau)

  1. m.mama Februar 3, 2019 / 10:08 am

    Wow! Ich bewundere wirklich deine Geduld und die Einstellung der „Kaputtung“ gegenüber und wünschte ich hätte nur einen Bruchteil deiner Kraft und ein paar Grad mehr der Richtung, in der du denkst! Ganz großartige Arbeit leistest du – so weit ich das als Leser beurteilen kann – unglaublich inspirierend wie du mit den „alltäglichen“ Problemen umgehst!
    Lieber Gruß, M. Mama

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Februar 5, 2019 / 7:25 pm

      Es ging mir besser von dem Tag an dem ich akzeptierte: Es IST mein Alltag, es IST mein Leben, mein Leben das auch so viel Wunderbares für mich bereit hält.
      Was nicht heißt, dass ich nicht immer wirder auch sehr wütend und gefrustet sein kann,besonders eben bei zerstörten Pflanzen.
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  2. Ulli Februar 3, 2019 / 11:07 am

    Liebe Natalie,
    ich freue mich sehr, dass du dich „getraut“ hast, und dann seufze ich und bin plötzlich Jahrzehnte jünger – ich hatte einen Cousin, der nahm etwas in die Hand und es zerbrach, ging kaputt. Dahinter war auch nie Mutwilligkeit, keine Bösartigkeit, er war oft selbst erschrocken, dennoch litt ich, da ich meine Sachen immer hegte und pflegte. Später, wenn sein Besuch angekündigt war, habe ich Lieblingsspielzeuge vor ihm im Vorfeld versteckt. Mein Sohn hatte ein Talent meine schönsten Tassen, Schüsselchen, Gläser zu zerdeppern, nein, ich gab sie ihm nie, sie mussten nur auf dem Tisch stehen, manchmal war mir dann doch zum Heulen zumute, ein Blick in seine Augen machten wieder alles gut. Alice Miller hatte so Recht als sie schrieb: Kinder sind immer unschuldig!
    Nun danke ich dir von Herzen für deine Alltagsgeschichte und wünsche dir weiterhin Gelassenheit und starke Nerven.
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Februar 5, 2019 / 7:31 pm

      Dankefür deine guten Wünsche.
      Mutwilligkeit ist es bei meinem Kleinen schon, ein passenderes Wort gibt es quasi nicht und er ist auch nicht erschrocken, sondern oft seltsam befriedigt, was mich immer wieder irritiert und ich auch noch nicht verstanden habe.
      Schuld ist trotzdem eine ganz andere Dimension
      Wenn wir Familien mit anderen Kindern besuchen, gebe ich tatsächlich manchmal den Tipp besonders Elektrospielzeug, das es ihm besonders angetan hat und das sehr schnell hin ist,einfach wegzuräumen.
      Das größte Talent meine Lieblingstassen zu zerdepperrn habe ich leider selbst.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  3. Sunnybee Februar 3, 2019 / 1:23 pm

    … und ich liebe wirklich deine Sprache! Dir gelingt tatsächlich, ein Alltagsärgeranlass in ein Stück Poesie zu verwandeln. Wow…

    Aber ich verstehe sehr gut, was du mit dem Auf-der-Hut-Sein meinst. Bei unserem Sohn sind es gerade die Dreiährigenalter-Wutanfälle, bei denen auch schon mal eine Wohnzimmerglastür zu Bruch ging. Und bösartig war das auch nicht. Kaputt ist‘s trotzdem…

    Herzlichen Gruß und ich freue mich, wieder von dir zu lesen!
    Sunnybee

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Februar 5, 2019 / 7:36 pm

      Danke für dein kompliment.
      „Kaputt ist es trotzdem“ … ja und genau das kann so zermürbend sein.
      Wir leben zum Glück in relativ sicheren finanziellen Verhältnissen, so kommt zum Ärger nicht noch die Not z.B. keinen Glaser zahlen zu können.Es wird auch arme Familien geben,die mit so einem Chaoszwerg gesegnet sind.
      Wenn die Wohnung mir gehören würde, hätte ich längst alle Glastüren ersetzt(wir haben fünf, von denen drei schon kaputt waren bzw.sind)
      Gruß
      Natalie

      Liken

  4. Pingback: Alltag 5 |

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s