Hubschrauber

An einem einzigen Tag meines Lebens bin ich in einem Hubschrauber geflogen als begleitende Intensivschwester bei einer Langstreckenverlegung. Schnell fiel die Entscheidung an jenem regnerischen Tag. Ehe ich es richtig realisierte, hoben wir auch unter den neideischen Blicken meiner Kolleginnen schon ab– ein Erlebnis, das für mich unter man muss alles mal mitgemacht haben fällt.

Spannend war es. Lehrreich. Laut. Hochkonzentriert. Eng. Mulmig. Auch für den Magen.

War schon froh, dass das kleine Mädchen, um die sich alles drehte, während des Fluges keiner besonderen Tätigkeiten meinerseits bedurfte, sondern ruhig an ihrer Beatmung schlief. Sie ist am Ende ganz gesund geworden, da wo wir sie hingebracht haben.

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Zwischen Nacht und Morgen

Die Nachtgespenster und der Sturm spielen Kriegen zwischen den Baumkronen, Zweige klatschen gegen die Scheiben, im Lüftungsschacht der Gästetoilette findet ein Gespenstergesangswettbewerb statt. Der Kleine Fundevogel wühlt neben mir und ich frage mich, was schlimmer wäre, die nächsten dreißig Minuten bis der Wecker zur Frühschicht klingelt wieder einzuschlafen oder einfach wach zu bleiben.

Dann blitzt und donnert es, der Kleine Fundevogel wird wach und sagt sehr ernst zu mir.

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Und sonst so?

Ein Nest ist von Natur aus ein Zuhause auf Zeit, bei manchen Spezies dauert die Jungenaufzucht länger bei anderen kürzer. Aber am Ende sollte das Nest ein Ort sein, den man hinter sich lässt.

Bei zwei von dreien ist ist hier nun der Zeitpunkt gekommen, sie streben fort. Wem wird es zuerst gelingen seine Flügel über den Nestrand zu schwingen? Was ist das zehrendere Unterfangen: Zu zweit eine Wohnung auf dem freien Markt einer Großstadt zu finden oder einen Platz in einer betreuten Wohngruppe? Das Rennen ist offener als ich erwartet hatte. Und lehrreich mal wieder, was man so alles wissen könnte über Eingliederungshilfe, Grundsicherung, Wohnformen, da hatte ich mir bisher nicht übertrieben viele Gedanken drum gemacht.

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Advent hinter Glas

Nun hat das Virus, das sie in der Schule des Kleinen Fundevogels mit so freigiebig ausgeteilt haben, sich doch in die Leiber der anderen Nestbewohner geschlichen. Hätten wir die leuchtend roten PCR-Befunde nicht, würden wir uns für leicht erkältet halten, schniefen so ein bisschen herum und haben schlechte Laune unterschiedlichen Schweregrades. Haben wir uns doch eine Quarantänekette exakt vom ersten Adventswochenende bis zum zweiten Weihnachtstag eingehandelt.

Da bekommen die Päckchen am Adventskalender eine ganz neue Bedeutung, Türchen für Türchen der langen Wanderung durch das Dezembergrau entgegen, meine Hühner Mehlwürmer aus den Händen picken fühlen, nach den Bienen schauen, nach Cardámines Garten. Und natürlich Heilgabend Spätschicht arbeiten. Ja, ich kann es kaum erwarten.

Wann wurde sie mir das letzte Mal lang die Zeit im Advent? Shoppen und Schulweihnachtsfeiern schwänzen macht zwar Spaß, aber nicht um den Preis des Draußenseins.

So gut genutzt worden ist unser Nest noch nie, der Kleine Fundevogel hat duch Monopoly in Dauerschleife besser rechnen gelernt als in der Schule, kennt alle 36 Vögel des Memorys mit Namen und Kopfstand können wir beide bald.

Und als erstes lese ich morgens den ABC-Etüdenadventskalender (da kommt auch noch ein Türchen aus diesem Hause zu …) und später am Tag schauen wir Frau Stachelbeermonds Engelchen beim Geschenkeauswickeln zu.

Der Erzählvogel ist heiser, krächzt bloß in Fragmenten, aber da Vögel kein Corona bekommen können und wir hier neben den Coronaregeln strengste Vorsichtsmaßnahmen zur Abwehr der ebenfalls grassierenden Geflügelpest einhalten, hat vermutlich auch er in erster Linie schlechte Laune.

Die Fee liegt wohl behütet an einem geheimen Ort im Winterschlaf.

Ob man die Coronazustände in diesem Nest als Reklame für (wie versprochen zumindestbis dato asymptomatische bis leichte Verläufe) oder wider das Impfen (ist doch bekannt, die Impfung ist unwirksam) liest, hängt wahrscheinlich von der jeweiligen im Laufe dieses Jahres erworbenen und fest einbetonierten Meinung ab.

Einstellungen, die einander anfunkeln wie katholisch und protestantisch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wie Lebensschützer gegen jene, die das Recht auf Abtreibung verteidigen, in ganz großen Glücksfällen wie die Fans von HSV und FC St.Pauli hier in der Hansestadt.

Der Austausch von Argumenten enthält kein Interesse an der Sicht des Gegenübers, sondern ist ein hoffnungsloser Versuch es zu bekehren, und weil der Bekehrten wenig sind, fallen da wie dort Begriffe wie irre, faschistoid, Gehirn abgegeben, unbelehrbar, asozial.

Verwirrt betrachtet die Frau Fundevogel das wuchernde Schisma um sie herum, sieht Freundschaften auseinandergehen, treu Lesende Blogs entfolgen, Menschen einander die Denkfähigkeit absprechen. Vernimmt den Ruf nach einem starken Staat, vernimmt den Ruf nach Aufruhr und Widerstand. Hört es Raunen von Verschwörungen, Umsturz und dem Ende der Demokratie.

Die Rede ist noch immer von einer Viruserkrankung.

Was wird kommen, wenn die wirklichen Einschränkungen in einer ihrer Ressourcen geplünderten Welt kommen werden, kommen werden müssen, weil es auch hier aus Vernunft und freiem Willen nicht klappt?

Dann gnade uns Gott bin ich versucht zu schreiben. Leider nur glaube ich selbst im Advent nicht an ihn, sondern gehe davon aus, dass wir Menschen auf diesem Planeten der so eindam durch das Weltall kreist, die Lösungen schon selbst entwickeln müssen.

Natürlich habe auch ich Meinungen zu alledem. Die Impfspritze kam nicht nachts heimlich zu mir ins Bett gehoppelt, der bin ich schon nachgerannt.

Und in vielen anderen Bereichen bin ich auch von dem ein oder anderem überzeugt.

Aber deswegen muss ich Andersdenkenden weder ihre Menschlichkeit noch ihre Denkfähigkeit absprechen, nicht mal die guten Absichten.

Gute Vorsätze , die ich hoffentlich spätestens morgen anwenden kann. Der Kleine Fundevogel hätte nach geltenden Coronaregeln seit heute wieder zur Schule gehen dürfen, ist er aber nicht. Erstens weil ich nicht weiß, wie er allein zum Schulbus kommen sollte, ohne den berühmten Verschwindetrick anzuwenden. Zweitens weil das Lehrerteam noch coronakrank daniederliegt und es ein Vertretungskonstrukt gibt, bei dem ich gar zu viel Raum für den Verschwindetrick ausmache und drittens weil ich gerne Klarheit über die Geschehnisse vor dem Coronaausbruch in der Klasse erhalten würde, ob es wirklich schon wochenlang Kinder mit positiven Tests an der Schule gab, weil ich mit der Schulleitung gern gemeinsam aussieben würde, was Gerücht ist und was wahr und weil ich mir vor allem für die Zukunft Transparenz wünsche, nicht nur in Bezug auf Corona

Transparenz kannst du in Waldorfschulen vergessen, sagt eine andere waldorferfahrene Mutter heiter, es scheint sie nicht zu stören.

Worte, die einen durchzucken wie ein auf Kälte reagierender Zahn. Wütend war ich so wütend vor zwei Wochen mit diesem positiven Test in der Hand.

Nie wieder schicke ich mein Kind zu diesen, zu diesen …

Nein, das Zitat lassen wir lieber weg. Und eine kleine Stimme in meinem Kopf erinnert mich, warum das Kind eigentlich auf diese Schule geht. Weil es die einzige war,die ihn gerne nehmen wollte, die bereit ist ihm realistische Bildungschancen zu bieten, weil er sich auf Anhieb dort wohl gefühlt hat, weil er noch immer gern hingeht.

Dafür bin ich über meinen erheblichen Waldorfschatten gesprungen und jetzt nehme ich noch mal Anlauf und hoffe auf ein gutes Gespräch zwischen zwei Schatten.

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Coronunlogisches

Am Donnerstag nun rief mich die Mutter eines Fundevogelmitschülers an, ihr Kind hätte Corona. Drei Mal durchatmen, der Kleine Fundevogel sieht ja ganz lebendig aus und so erstaunlich ist das in diesem Advent nicht, zumal die Schule die Maskenpflich recht großzügig auslegt. Erstaunlicher ist zu hören, dass morgens schon ein Kind der Klasse einen positiven Schnelltest hatte und von der Schule auf keinem meiner derzeit drei Telefone die geringste Nachricht zu finden ist.

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Vom Bereuen und vom Nicht-Bereuen

Ich bereue manches in meinem Leben.

Manchmal nur eine Nacht lang den Kaffee und die Schokolade zur späten Stunde, die dann meinen Schlaf rauben.

Ich bereue ziemlich bei der Wahl des Verlags für mein Buch vor lauter Geschmeicheltsein unkritisch geworden zu sein.

Immer wieder reut mich viel zu leichtfertigen Konsum von Dingen, die ich diesem belasteten Planeten ersparen könnte.

Tiefer bereue ich Dinge, die ich unbedacht getan oder gesagt habe und noch viel, viel mehr dringende Worte, die ich zur rechten Zeit nicht gesagt habe, weil mir der Mut fehlte oder häufiger noch, ich so von den Geschehnissen um mich herum so überrollt wurde, dass mir erst viel zu spät klar wurde, was mir oder jemandem neben mir hier gerade angetan wird, wenn ein Kreis aufgeregter Menschen sich auf eine oder einen einschießt, wenn unterschwellige Beleidigungen fallen, Menschen klein und unfähig geredet werden, Rassismus durchschimmert oder sehr viel häufiger noch Ableismus (ein Wort, das viele nicht einmal kennen – es bedeutet die dem Rassismus vergleichbare Abwertung von Behinderten).

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Vom Gesehen werden, von Kürbissen und Gespenstern

Letzte Woche nun, da wollte ich die Hecke zwischen Bienenstand und Hochbeet ein ganz klein wenig auslichten, sonst kommt man da bald nicht mehr durch und die Blaubeerpflanze muss auf Nachtschattengewächs umsatteln. Da rumpelt es, da pumpelt es und vor meinen Füßen baumelt orange leuchtend ein Kürbis. Knapp neun Kilo leuchtendes Orange wussten sich einen Sommer lang trefflich zu verbergen, während seine Geschwister von mir gehegt, gepflegt, in Fruchtschutzbeutel gesteckt und kuschelig unterpolstert wurden.

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Unterwegs

Auf dem Weg zum Bahnhof hoffe ich inständig, keiner möge gegen mich stoßen, ich könnte zerbrechen, bin heute aus Glas, ungeachtet des schweren Rucksacks, den ich mit mir schleppe.

Das Hilfeplangespräch, jene ach so wichtige Zusammenkunft aller am Hilfesystem eines Kindes Beteiligten, war so oft verschoben worden, da sollte es doch meinetwegen zwei Stunden vor Urlaubsantritt über die Bühne gehen, was man hat, das hat man und einiges zu klären gibt es auch, wenn ein Kindchen es schafft, im Schnitt einmal die Woche von der Polizei gesucht und zum Glück auch gefunden zu werden.

Den von selbiger Polizei gewüschten GPS-Tracker hatte ich mir bereits telefonisch absegnen lassen. Die einzige Person, der es schlaflose Nächte zu bereiten scheint, einem Kind einen Peilsender anzuhängen, der eigentlich dafür gedacht ist, verschusselte Schlüssel und gestohlene Fahrräder wiedezufinden, ist die Frau Fundevogel selbst, und zwar nicht, weil sie nun nach jahrelanger Bockigkeit doch die Zusammenarbeit mit einem Smartphone lernen muss. Es lacht den ganzen Tag über sie, wenn sie telefonieren will und nicht findet wo die Nummer eingegeben werden muss oder sie elf identische Fotos einer Schnecke macht, weil sie den Finger nicht vom Auslöser nimmt .

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Großer Fundevogel proudly presents:

„Potential ist da“

Zehn junge Menschen, die in Pflegefamilien leben oder gelebt haben, schreiben im Rahmen eines „Care-Leaver-Projekts“ zusammen mit dem BeatBoxer Rob einen Song über Zukunft und Vergangenheit.

Da ist wirklich viel Potential. Hören Sie doch mal rein. Dass YouTube an Ihren Daten interessiert ist, wissen Sie ja.

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Frühstück mit Tante Polly (ABC-Etüde)

Und dann stell ich mir vor, ich träfe mich mit Tante Polly im Café. Zum Frühstück vielleicht, dann sind unsere Jungs in der Schule und wir können kurz nachlassen in unserer Daueraufmerksamkeit, die Sorgen ein Käffchen lang in die Handtaschen stecken. Wir sollten unsere kostbare Freizeit nicht nur mit Putzen und Kochen verbringen. Wir brauchen Zuwendung, um durchhalten zu können.

Polly, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie in ein Café im Jahre 2021 einladen würde? Es ist keine gute Zeit, vielleicht ist es die letzte, aber ehrlich gesagt, Ihre ist mir noch unheimlicher. Die Sklaverei, der Rassismus, mir grauts allein schon beim Vorlesen. Dass Sie einen Sklaven haben, habe ich erst als erwachsene Leserin kapiert.

Wie sollt ich das denn wohl schaffen ohne den Jim, sagt sie, da hätt‘ ich gut reden mit meiner Spülmaschine. Und für Gesellschaftskritik habe sie keine Kraft.

Früher habe ich Sie ausgelacht, Polly, mit Ihrer komischen Haube waren Sie das hartnäckigste Hindernis bei Toms wunderbaren Abenteueren. Wie habe ich gejubelt, wenn er Sie reinlegen konnte.

Heute bin ich die lächerliche Figur, die mit zerzausten Haaren ihrem Kind nachrennt, voller Panik es könnt in ein Auto laufen, während Sie Ihres ertrunken im Schlick des Missisippi wähnen.

Wer sein Kind liebt, der züchigt es, die Bibel gibt Ihnen die Erziehung vor. Genutzt hat die Rute nichts, können Sie selbst nachlesen. Heute sind Schläge verboten wie die Sklaverei. Gottlob. Aber ich kenne den Zorn, der der zu großen Sorge entspringt viel zu gut.

Ihr Familienverhältnisse erscheinen mir lesend immer reichlich ominös. Sie, Tom, Sid, Mary. Wessen Kinder sind das alles? Haben die auch Väter?

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