Ressource auffälliges Kind

Zur Vorgeschichte:Dabei sein kostet extra

Dreitausendsechshundertsiebenundneunzig.

So viel Geld bekommt die Kindertagesstätte von nun an monatlich für die Betreuung des kleinen Fundevogels. Ein externer Gutachter bestätigte den Bedarf, den der Kindergarten sah und wir erhielten einen neuen Kita-Gutschein. Die Kündigung vom letzten Jahr ist hinfällig.

Der „Familienanteil“ dieser stolzen Summe beträgt lächerliche fünf Euro, alles andere bezahlt die „öffentliche Hand“, also auch viele meiner geschätzten Leserinnen und Leser, recht herzlichen Dank an dieser Stelle dafür.

Und was bekommt der kleine Fundevogel für das viele Geld? Weiterlesen

Advertisements

Zu zweit (ABC-Etüde)

Die Weihnachtsferien sind vorbei, es gibt keine Schokoladenweihnachtsmänner mehr aufs morgendliche Brot, der Weihnachtsbaum hat den Schreibtisch zugunsten des Laptops räumen müssen.

Kein Zweifel, die Zeit der Ausnahmen ist vorbei, auch die Etüden finden wieder nach altvertrauten Regeln statt: Drei Wörter in höchstens zehn Sätzen. Mitmachen dürfen übrigens alle, die Lust haben, mit oder ohne eigenen Blog.

Die ersten Wörte für 2018 spendete die Etüdenhüterin Christiane höchstselbst Weiterlesen

Bleiklumpenschwer (ABC-Etüde)

Diesen Text für Christianes Neujahrsetüdeneinladung hatte ich eigentlich in der Neujahrsnacht schreiben wollen, aber da gebärdete er sich höchst kapriziös und ich kommentierte stattdessen den halben Abend andere Blogs. Schließlich weckte ein Böller im Treppenhaus das Kleinkind und das wars dann mit Schreiben.

Und seither? Irgendwas ist immer, wie die Hüterin der Etüden so trefflich sagt, besonders wenn die Kinder Ferien haben.

Von 2017 wird mir einiges in Erinnerung bleiben, auch Schmerzliches, aber eine der schönsten Erinnerungen wird sein, in den Kreis der Etüdenverrückten gefunden zu haben. Dank an Christiane und Ludwig Zeidler, die Unermüdlichen, an alle Lesenden, Schreibenden, Wörterspendenden und Kommentierenden.

Ihr habt mein Leben reicher gemacht und mich zu einem Zeitpunkt, an dem ich es brauchte, sehr getröstet.

2017weineu_2

Mittags hatten sie noch ihre Bienenstöcke bei acht Grad Celsius und Regenwetter mit Oxalsäure „restentmilbt“ – Imkerinnen eigneten sich einen eigenartigen Wortschatz an — höchstens fünf Grad und Trockenheit wurden für diese Maßnahme empfohlen und zwar bitte schön frühstens drei Wochen nach dem ersten Frost und keinen Tag später als Neujahr, also undurchführbar. Die Verlässlichkeit des Wetters war schon lang dahin.

Falls es ein Neujahrsläuten gegeben hatte, war es untergegangen, die Feuerwerksgarben erblühten und verloschen seit 19 Uhr in regelmäßigem Rhytmus, seit Tagen knatterte und dröhnte es, als stünden sie unablässig unter Beschuss, eine Assoziation, die Nina ungefiltert von ihren Eltern übernommen hatte und die Janne befremdlich gefunden hätte.

Selbst um Mitternacht hatte es kein Innehalten gegeben, das Feuerwerk brandete Anfang 2018 kaum stärker als Ende 2017, die Lust auf ihre eigenen Wunderkerzen verging ihnen, drinnen aßen sie Berliner und tranken einen Kaffee.

„War eine gute Idee spontan zusammen zu feiern, sag mal, wie siehst du denn aus, immer noch Sorgen wegen der Bienen?“

„Ich mache mir Sorgen, nein, ich bin vor Angst zerfressen, dass diesen Mai noch weniger Mauersegler aus dem Süden kommen könnten, oder gar keine, dass noch weniger Fledermäuse im Garten sind, dass … “

Nina fing an zu schluchzen und am ganzen Leib zu zittern, hörte gar nicht wieder auf, als trauere sie um Mann oder Kind, hilflos sah Janne sich in diesem Wohnzimmer, in dem sie zum ersten Mal war, um. Klar, machte man sich Sorgen um seine Umwelt, sie beide mit ihren  Bienen sowieso, aber so ein bleiklumpenschweren Schmerz verspüren wegen … äh … Mauersegler waren … äh … Vögel, oder?

„Komm, wird alles wieder gut“, nein, das konnte sie nun wirklich nicht sagen, denn gut wurde das wohl nie wieder. Am liebsten hätte Janne die Ältere einfach umarmt, ihr vielleicht einen sanften Kuss gegeben, aber so war ihre Freundschaft ja eigentlich nicht.

P1040814

 

Wenig Zeit für Magie (ABC-Etüde)

Nach der Adventsnummer der ABC-Etüden folgt nun die Weihnachts-und Neujahrsedition der Etüden, mindestens drei Wörter aus dem unten stehenden Fundus, den Christiane gesammelt und Ludwig Zeidler dekorativ aufgelistet hat, müssen in höchstens zehn Sätzen untergebracht werden.

2017weineu_1

Jeden Dezember nahm sie sich vor, die Rauhnächte zu feiern, richtig zu feiern, die vielzitierte Durchlässigkeit in andere Dimensionen selbst wahrzunehmen, statt in Blogs mehr oder weniger wunderliche Rituale zu studieren und dabei Berliner in sich reinzustopfen, allen weiteren Vorsätzen zum Trotz.

Im Jahr des Gelingens saß sie  auf einer verschneiten Lichtung an einem Feuer, dessen Knistern als einziges die Stille durchbrach, am Waldesrand stellten sich pelzige Gestalten ein, die sich vertrauensvoll dem Feuer nährten und einen Blick in ihre unergründlichen Augen gewährten, so stellte sie es sich vor.

Im Stadtwald gab es gar keine richtigen Lichtungen, es regnete bei acht Grad Celsius, ein Feuer hätte sie niemals angekriegt, und wenn hätte der Rentner, dessen wuscheliger Hund sie angekläfft hätte, ihr den Marsch geblasen, Feuergefahr, Zuwiderhandlung, sträflicher Leichtsinn undsoweiter.

Außerdem bestand zwischen den Jahren Urlaubssperre, da gab es keine Hoffnung auf Ausnahmen, wegen der vielen zu besetzenden Feiertage und so.

Die Spätschicht am 25.Dezember war anstrengend, keine Katastrophen,  bloß Notaufnahmen, Verlegungen, Verbandswechsel, unruhige Kinder, Verständnis suchende Eltern, das ganze Programm.

Zum Schichtende kam ein Anruf aus einer Geburtsklinik, ein Neugeborenes, Entzündungszeichen im Blut, bitte einmal abholen, Routinefall.

ImNachdienst war schon eine Kollegin zu wenig, sie hatte morgen frei, keine Frage, dass sie sich anbot, die Rettungswagenfahrer wünschten munter Fröhliche Weihnacht, ach ja.

Es war ein echtes Christkind, die Mutter, schön wie ein Engel mit Zahnspange, sah tapfer zu, wie ihr Baby in den Transportbrutkasten gelegt wurde für die Fahrt mit weinender Mutter und weinendem Kind, alle vorschriftsmäßig angeschnallt, tröstend wollte sie sagen, das Kind sei gewiss zum Neujahrsläuten schon wieder zuhause, doch keine verstand die Sprache der anderen, sie reichte ein Papiertaschentuch.

Irgendwann öffnete sie das Türchen des Brutkastens, löste den Gurt der Mutter, die sofort aufstand, streichelte, gurrte, die Rettungswagenfahrer schauten demonstrativ weg, und sie konnte Mutter und Kind aller Unveantwortung zum Trotz unversehrt der Säuglingsstation übergeben, ein leises danke mit starkem Akzent, schon gut.

Auf dem Heimweg stand plötzlich ein Reiher im Lichtkegel ihrer Fahrradlampe und blickte sie an, einfach so.

 

 

 

Weihnachtsstreber

Zeit der Überraschungen …

Nachdem ich hier nun behauptet habe, mir käme niemals ein Weihnachtsbaum über die Schwelle, hat meine Mutter hier Donnerstag einen abgestellt, inklusive Ständer, Schmuck und Lichterkette.

Sie ist in diesem Jahr verwitwet, und wir werden den Heiligabend zum ersten Mal seit vielen Jahren gemeinsam verbringen. Und wenn eine Seele einen Weihnachtsbaum braucht … immerhin konnte ich sie zu einem ungespritzten Exemplar überreden. An dem werden hinterher noch die Hühner Freude haben.

Auch aus diesem Grund hole ich nun eine etwas ältere Weihnachtsgeschichte aus meinem Fundus.

Sie war damals Auftakt einer losen Geschichtensammlung über eine – erfundene!- Pflegefamilie, der ich immer mal wieder ein Kapitel hinzufüge.

Aus dieser Sammlung werde ich am 27. Januar im Café Mehlbeere in Großenbrode an der Ostsee vorlesen, mehr dazu rechts in der Leiste. Also für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass jemand im Januar an der Ostsee Urlaub macht …

Die „Mehlbeere“ ist allerdings das ganze Jahr einen Besuch wert, nicht nur wegen des köstlichen Kuchens.

Kurz vorm Fest habe ich noch ein Weihnachts- … nee … Geschenk kannund  mag ich das nach dem von mir geleisteten Aufwand nicht mehr nennen, eine Weihnachtsberuhigung bekommen, der kleine Fundevogel kann mit deutlich mehr Betreuung in seiner Kita bleiben.

P1040907

Weihnachtsstreber

Elisabeth Rabe hasst Weihnachtstreber, so nennt sie Menschen, die ab Halloween für das Fest der Feste leben und deren Häuser schon vor Totensonntag kilometerweit funkelen. Weihnachtsstreber besuchen jeden Adventssamstag Weihnachtsmärkte und fahren mit Kofferräumen voller Geschenke und Plätzchen nach Hause. Ihr absolut lotrechter Weihnachtsbaum ist der höchste des Viertels. Jedes Jahr erstrahlt er in einem neuen Outfit, während farblich abgestimmte Söhne und Töchter darunter erzieherisch wertvolle Geschenke auswickeln.

Auch wenn Mama es nicht glaubt – die meisten Menschen machen sich nicht so viel Weihnachtsstress. Sie kaufen einen normal großen Baum, schmücken ihn jedes Jahr mit den selben Sachen, hängen ein, zwei Lichterketten auf und überreichen ihren Kindern Spielsachen, die sie ihnen sowieso gekauft hätten. Das reicht um Freude zu haben. . Anfang Januar wickeln alle ihre Krippenfiguren wieder in Seidenpapier, insgeheim erleichtert, dass es wieder erst einmal vorbei ist.

Anders die Weihnachtshasser. Sie weigern sich mitzumachen, wie Elisabeth Rabe, die mit Weihnachten nichts zu tun haben möchte Wirklich nichts: Kein Baum, keine Geschenke, keine Karten, kein Adventskalender. Keine Freude.

Sonst ist sie nett. Wirklich, ich habe sie lieb. Abgesehen von Weihnachten macht sie gern und großzügig Geschenke. Sie regt sich so gut wie nie auf, weder über Unordnung im Kinderzimmer, noch über schlechte Schulnoten oder verrückte Tiere in der Wohnung. Eigentlich nur über Weihnachten.

Jeder wie er will, aber ich nicht!“, sagt sie, wenn ihre Kinder einen Weihnachtsbaum wollen. Leider bin ich es, die seit sieben Jahren „Mama“ zu ihr sagt. Die Jahre davor war sie meine Tante, doch weil meine früheren Eltern das Kinder haben und auch sonst ihr Leben nicht so richtig in den Griff bekommen haben, habe ich mit vier Jahren die Mama gewechselt. Daher heiße ich auch nicht „Rabe“, wie Mama, sondern Fahlbek. Mareike Fahlbek. Außer Mama und mir wohnen hier noch Jonas, Adele und die Tiere – zwei Katzen, drei Meerschweinchen, vier Chinchillas und Rosalie, Mamas Kakadudame, die sie schon als kleines Mädchen hatte.

Jonas ist zwölf, Mama ist schon immer seine Mutter gewesen, sein Papa meldet sich genauso selten wie meine richtigen Eltern, nämlich nie. Adele hat ganz andere Eltern. Sie zog mit zwei Jahren bei uns ein. Inzwischen ist sie fünf, aber ein ziemliches Baby, quengelig, immer einen Schnuller im Mund, doch ich habe sie lieb. So lieb, dass ich ihr von meinem Taschengeld einen Adventskalender kaufen werde. Sie soll nicht die Einzige im Kindergarten sein, die keinen hat. Letztes Jahr hatte ich ihr auch einen gekauft. Mama passte das nicht, aber sie war sie gerührt, weil ich mein Taschengeld für Adele ausgegeben hatte und hängte den Kalender eigenhändig im Wohnzimmer auf. Jonas und ich öffneten lieber jeden Morgen im Innern unserer Kleiderschränke ein Türchen und setzten uns an den Frühstückstisch, den Mund voll heimlicher Süße.

Kaufst du dir dieses Jahr wieder einen Adventskalender?“, fragt Jonas mich.

Ja, und für Adele auch, ein bisschen Weihnachten soll dieses Kind haben dürfen.“

Wir sollten dieses Jahr richtig feiern“, sagt Jonas. „Mit Baum, Geschenken, Keksen, und – ich glaube, einen Truthahn muss man kochen.“

Truthahn essen die Engländer, hier musst du eine Gans braten.“

Dann eben Gans. Hast du schon einmal eine Gans gegessen?“

Nee. Du wirst auch keine essen, jedenfalls nicht zu Weihnachten. Mama hasst Weihnachten.“

Ich hasse, dass sie es hasst. Ich will und werde dieses Jahr feiern, am 24. Dezember. Dieses Kaffeetrinken bei Oma am zweiten Feiertag ist doch nur zweite Wahl.“

Der zweite Weihnachtstag bei Oma tröstet uns immer ein wenig über Mamas Weihnachtssonderlichkeit hinweg. Bei ihr steht ein Baum mit echten Kerzen, es gibt Stollen und richtige Plätzchen. Meistens schenkt Oma uns Bücher und coole Klamotten, sodass wir nach den Ferien in der Klasse Geschenke vorführen können. Leider kommt Mama nie mit, sie bringt uns hin, überreicht ihrer Mutter einen Blumenstrauß und holt uns abends mit einem genervten Blick auf unsere Geschenke wieder ab.

Am zweiten Feiertag kann ich wirklich nicht mehr feiern“, sagt sie entschuldigend zu Oma, so als ob sie an den Tagen davor auch nur versucht hätte. Ich schlage vor, Oma zu fragen, ob wir ausnahmsweise schon am 24. Dezember kommen dürfen.

Vergiss es. Da kommt Murat, um mit ihr Weihnachten zu feiern, obwohl er das als Moslem gar nicht müsste.“

Wir können ja mit ihm feiern“.

Ich mag Omas Freund.

Ich will aber mit Mama feiern, nicht mit Oma und Murat. Wir überraschen Mama einfach. Sie wird schon nicht aus der Wohnung laufen, nur weil ein Weihnachtsbaum drin steht und wir eine Gans braten.“

Darauf würde ich nicht wetten. Außerdem kostet ein Weihnachtsbaum mindestens fünfzehn Euro. Ich habe keine Ahnung, wo und wovon wir eine Gans kaufen könnten, geschweige denn, wie sie zubereitet wird.

Wir können die Gans ja weglassen“, Jonas lässt sich nicht beirren. „Wir essen einfach was Mama kocht. Aber wir brauchen einen Baum, Plätzchen, Kerzen und Geschenke.“

Ich bekomme Lust es zu probieren. Wir weihen Adele ein und beschwören sie, Mama nichts zu verraten. Ihre Redseligkeit ist ein Risiko, doch wir brauchen ihr Geld. Jonas und ich werden im Dezember je fünf Euro Taschengeld bekommen, drei hat Jonas noch von November über, ich zwei. Adele kriegt noch kein Taschengeld, aber in ihrem Spartopf finden sich 3,29 Euro in ganz kleinen Münzen. Als Jonas verspricht, einen Tannenbaum zu kaufen, schüttet sie ihm sofort alles auf den Schoß. Abzüglich dreier Adventskalender zu je 1,19 Euro bleiben uns 14, 72 Euro zur Ausrichtung eines Weihnachtsfestes.

Mareike, was wünschst du dir? Ich wünsche mir ein Zelt. Adele ist langsam groß genug für ein eigenes Fahrrad.“

Jonas spinnt. Wir haben nicht mal Geld für einen Weihnachtsbaum und er faselt von Zelten und Fahrrädern. Ich wünsche mir schon länger einen eigenen CD-Player und bin ziemlich sicher, Mama wird mir am 21. September nächsten Jahres einen zum Geburtstag schenken, ein Fahrrad für Adele hat sie schon auf dem Boden stehen, unsere Kleine wird am dritten Januar sechs. Jonas wird auf sein Zelt noch bis Juli warten müssen, aber vorher wird er kaum zelten gehen wollen.

Ich will richtig Weihnachten feiern, mit richtigen Geschenken.“

Für 14,72 Euro.“

Bis Weihnachten kann sich ja noch was ändern.“

Mein Bruder war schon immer ein Sturkopf.

Am nächsten Samstag werden im ganzen Stadtteil Elektrodekorationen aufgehängt. Fenster, Fassaden und Bäumen strahlen, als sollten sie wenigstens einmal im Jahr beachtet werden. Prompt bekommt Mama schlechte Laune. „Jedes Jahr mehr Strom für diesen Weihnachtsunfug“, faucht sie. „Das Klima muss ja kaputt zu kriegen sein.“

Wann kaufst du mir einen Weihnachtsbaum?“, fragt Adele. „Bestimmt nicht am Totensonntag“, sagt Mama in einem Ton, der ausschließt, es könne an einem anderen Tag dazu kommen.

Weil Mama so genervt ist, nehme ich Quengeladele mit in die Bücherhalle.

Bringt von unterwegs Brot mit, bitte Mareike “, ruft Mama uns nach. Beim Bäcker bekommen wir kleine Schokoweihnachtsmänner geschenkt. Adeles schaffe ich gerade noch auszuwickeln, ehe sie ihm neben ihrem Schnuller in den Mund schiebt. Ich knibbele am Papier meines Männchens und halte dann inne – zu einem richtigen Weihnachtsfest gehören bunte Teller. Dieser Wicht soll mein Grundstock sein. Behutsam schiebe ich ihn in die Jackentasche und verwahre ihn, sosehr Adele auch danach giert. Auf einmal glaube ich an unser Fest.

In der Bücherhalle entleihe ich „Weihnachtsdekorationen selber machen für wenig Geld“, „Die besten Weihnachtsrezepte aus drei Jahrhunderten“ und eine CD mit Weihnachtsliedern zum Mitsingen.

Während wir in der Bücherhalle waren, hat Jonas Frau Fischer besucht, eine liebe Nachbarin, von allen nur „Fischy“ genannt, eine waschechte Weihnachtsstreberin. Unter dem Vorwand, Mama mit einer neuen Kekssorte überraschen zu wollen, lässt Jonas sich von Fischy das Backen zeigen und bekommt nicht nur das Rezept, sondern auch eine kleine Dose voller Probeexemplare, die in unseren Weihnachtsvorrat wandert.

Wir machen es zur Methode. Wenn im Freundeskreis gebacken wird, laden wir uns ein und lagern immer mehr Kostproben in Tüten und Tupperdosen unter meinem Bett.

Adele und ich werden immer perfekter im Schnorren von Süßigkeiten. Wo immer Vorweihnachtsmänner ihre Gaben verteilen, sind wir schon da. Adele fordert ungeniert: „Wir brauchen Naschies, Mama kauft uns keine.“

Weil sie so niedlich ist, quellen ihre kleinen Hände bald über. Es lohnt sich, obwohl sie das meiste vor Ort verschlingt.

Süßigkeiten haben wir langsam genug.“

Weihnachten ist nicht nur naschen! Wir brauchen unbedingt einen Tannenbaum, sonst glaube ich nicht, dass wir Weihnachten feiern.“

Ich glaube es sowieso nicht.“

Mareike, sei kein Miesepeter! Guck’ doch, was wir alles schon geschafft haben, obwohl wir Kinder sind, die beklagenswert wenig Taschengeld bekommen.“

Ich habe mittlerweile einen stattlichen Haufen Tannenbaumschmuck fabriziert, aber meine Sterne, Wichtel und Papprentiere stimmen mich nicht froh. Trübsinnig denke ich an das ganze Zubehör, welches ich nicht einfach basteln kann: Weihnachtsbaumständer, Kerzen und Kerzenhalter. Oder eine elektrische Lichterkette, die mit unserer flippigen Adele bestimmt die bessere Lösung wäre. Ein Tannenbaum, an dem sich ihr Herzblatt als erstes die Pfoten verbrennt, würde Mama vermutlich nicht weihnachtsgewogener stimmen.

Möglicherweise hat jemand einen alten Weihnachtsbaumständer, den er nicht mehr braucht, ich meine jemand, der sich was Moderneres angeschafft hat. Wir können ja mal rumfragen.“

Wie peinlich ist das denn? Ein Kind, das nach einem abgelegten Tannenbaumständer fragt. Als ob wir bettelarm wären. Jeder weiß, dass wir das nicht sind. Oder nach einer Mutter, die sich nicht um ihre Kinder kümmert. Ich finde, das geht keinen etwas an.

Kurz nach dem Nikolaustag komme ich mächtig in Weihnachtsstimmung: Es schneit. Mama fährt mit uns zu Oma zum Schneeräumen. Oma hat es nämlich in der Hüfte und Murat besucht zurzeit seine Familie in der Türkei. Nachdem Jonas und ich einen Schneemann gebaut haben, spielen wir in Omas Schuppen.

„Nee, das gibt es nicht!“

Auf einem Bord stehen zwei Tannenbaumständer. Oma und Murat werden kaum zwei Bäume aufstellen wollen. Doch wie Oma fragen, ohne Mama Argwohn schöpfen zu lassen? Im Moment schaufelt sie hingebungsvoll Schnee. Also schnell! Mein Bruder ist ein Geschichtenerzähler und Ausredenerfinder ersten Ranges. Er erzählt Oma ohne mit der Wimper zu zucken von einem Weihnachtsbaum, den ein Förster seiner Klasse geschenkt habe, weil sie im Wald Müll gesammelt hätten. Diesen Baum könnten sie jetzt in ihrer Klasse aufstellen, wenn, ja, wenn sie nur einen Ständer hätten. Natürlich schenkt Oma der 6b sofort ihren Zweitständer und eine Schachtel Glaskugeln dazu.

Nur überzählige Kerzenhalter habe ich nicht, aber Lichterketten kosten heutzutage nicht mehr die Welt.“

Ist auch sicherer, wegen Adele …“,

Jonas rammt mir seinen Ellenbogen in die Rippen, was Oma nicht entgeht. Sie runzelt die Stirn.

Was hat Adele mit dem 6b-Tannenbaum zu tun?“

Ich stottere irgendwas von wegen Weihnachtsfeier mit Eltern und Geschwistern und Adele sei schließlich immer so hampelig. Zum Beweis klirrt es genau bei diesen Worten. Adele hat den Josef aus Omas Weihnachtskrippe fallen gelassen. Fast alle Figuren haben wieder angeklebte Köpfe, Beine oder Hufe, doch Josef ist in winzigste Stücke zersprungen. Adele heult. Oma nimmt sie in den Arm.

Ach Kleines, das macht der Oma doch nichts“.

Aber sie ist traurig, das sehe ich genau. Sie hat diese Krippe schon ewig, bestimmt erinnert sie Oma an die Zeit, als Opa noch lebte und das kleine Mädchen, das mich später im Bauch hatte, noch keine Drogen nahm. Ob das andere kleine Mädchen, das jetzt meine Mama ist, Weihnachten schon damals gehasst hat?

Abends bastele ich für Oma einen neuen Josef aus FIMO. Es macht Spaß, deshalb forme ich eine ganze Krippe, die wir am Heiligabend neben unserem baumfreien Ständer aufstellen können.

Na, du Weihnachtsstreber“,

Mamas Ton ist nicht besonders spöttisch, eher zärtlich. Auf ihrer Schulter thront Kakadu Rosalie. Ich fange an zu heulen.

Ach, Mareike, ist Weihnachten dir denn so wichtig?“

Ich schlucke meine Tränen runter, zucke mit den Achseln.

Weißt du“, fährt Mama fort. „Ich war von Weihnachten immer enttäuscht. Ein Baum wird ins Zimmer gefahren, alle überfressen sich und tun, als liebten sie sich auf einmal, obwohl doch in Wirklichkeit alles geblieben ist wie immer.“

Und wenn man sich in Wirklichkeit liebt?“

Mama legt mir ihren Arm um die Schultern. Rosalie hüpft auf mein Knie, gemeinsam kraulen Mama und ich die weichen Federn an ihrer Kehle.

P1040914

das ganz besondere Kuchenhaus des großen Fundevogels

 

Langsam kommen wir voran, Jonas durchkämmt die Küche bis er Mamas Vorrat an Teelichtern findet. Adele bekommt von Fischy einen Nussknacker und ein Räuchermännchen geschenkt.

Ich erlebe meinen größten Weihnachtstriumph. Ich ergattere ein Zelt für Jonas! Ganz zufällig, weil der Vater meiner Freundin Svenja Jelinski es als Werbegeschenk bekommen hat. Da Jelinskis nicht campen, haben sie mich gefragt, ob ich es haben will!

Ich muss mich zusammenreißen, um nicht jubelnd durch Jelinskis Haus zu tanzen, Frau Jelinski guckt mich ohnehin schon ganz merkwürdig an, dabei habe ich Svenja nie was von unseren Weihnachtsabsonderlichkeiten erzählt, denn die gehen niemand etwas an.

Für Adele ziehe ich einfach ein paar Glitzerketten auf, Jonas zeige ich vorsichtshalber das Geburtstagsfahrrad im Bodenversteck, er hat nämlich ernsthaft erwogen ein Kinderrad zu stehlen.

Jonas, ich nehme keinen geklauten CD-Plaer an!“

Aber ich will dir was Cooles schenken.“

Ach komm, das coolste ist, wenn wir es überhaupt schaffen Weihnachten zu feiern, Mama zum Trotz. Apropos, was schenken wir Mama?“

Jonas starrt mich an: „Die habe ich voll vergessen.“

Auf jeden Fall haben wir nur Geld für ein Geschenk für Mama oder für einen Weihnachtsbaum.“

Weißt du was, wir sägen im Park einen Baum ab!“

Du spinnst!“

Gar nicht. Wir machen das nachher, Mama wollte doch kurz zu Oma.“

Wir sollen auf Adele aufpassen.“

Die nehmen wir mit. Wer quengelt den ununterbrochen, <Jonas, Jonas kauf mir einen Tannenbaum>?“

Im Park wachsen keine Tannen, jedenfalls keine wohnungstauglichen. Mit der Taschenlampe dringen wir immer tiefer in die Gebüsche vor. Adele fragt alle zwei Minuten: „Wann kommt endlich unser Weihnachtsbaum?“

Wir finden einige Tannenzweige, man könnte sie zu einem festlichen Strauß binden, aber wozu haben wir einen Tannenbaumständer beschafft? Es war so umständlich gewesen dieses sperrige Ding von Mama unbemerkt ins Auto zu schmuggeln.

Da, da!“, schreit Adele auf einmal. Ein Weihnachtsbaum ist das nicht, sondern ein mächtiger Kiefernast, den ein Sturm erst kürzlich heruntergerissen haben kann. Wir beschließen, ihn zurechtzusägen und in unseren Tannenbaumständer einzuspannen. Auf dem Rückweg kaufen wir einen kleinen Delikatesskorb für Mama – hoffentlich werden Rotwein und Schinken ihr über den Schock hinweghelfen, den wir ihr am Heiligabend verpassen werden.

Leute, wir haben es geschafft“, Jonas Stimme überschlägt sich fast vor Freude.

Nur, wie bauen wir das ganze auf, ohne dass Mama Argwohn schöpft?“

Schon wieder ein beinahe unlösbares Problem. Allmählich verstehe ich, dass Mama Weihnachten lästig findet. Dabei haben Erwachsene es viel leichter als wir. Sie werfen die Kinder einfach aus dem Weihnachtszimmer und können vorbereiten, was sie wollen. Die Kinder freuen sich sogar. Die Tage vergehen, uns kommt keine durchführbare Idee, wie Mama am 24. für ein paar Stunden aus der Wohnung zu locken sein könnte.

Wir müssen jemanden dazu kriegen, sich genau in dieser Zeit mit ihr zu verabreden. Aber wen? Oma würde misstrauisch werden. Fischy ist vollkommen überwältigt von ihren eigenen Vorbereitungen auf das perfekte Fest.

Als Mamas alter Sudienkumpel Ludwig anruft, bringt sie gerade Adele zu Bett. Die Zubettbringzeit ist bei uns heilig. Mama sagt: „Ich schenke euch jeden eine Viertelstunde täglich, dabei hat keiner zu stören, weder das Telefon, noch mitteilungsbedürftige Geschwister. Die einzige Ausnahme ist Feueralarm.“

Jonas packt die Gelegenheit beim Schopfe, Ludwig ist sofort bereit, Mama für eine Weihnachtsüberraschung aus der Wohnung zu locken.

Am nächsten Morgen ist sie ganz verlegen, als sie uns fragt, ob es in Ordnung wäre, wenn sie uns am 24. ein paar Stunden über Mittag alleine ließe. Wir mimen die Großzügigen, bieten sogar von uns aus an, Adele zu hüten. Zum Dank dürfen wir uns das Abendessen wünschen. „Aber keine Gans“, sagt Mama, ehe ich genau diesen Vorschlag machen kann. Wir einigen uns auf Pizza und Eis. Das ist ja auch lecker. Eine Gans braten lerne ich, wenn ich erwachsen bin.

Ruckzuck räumen wir ein paar Stühle aus dem Wohnzimmer und legen los. Der Kiefernast ist krumm und harzig. Jonas versucht ihn zu kürzen, dabei bricht Mamas Fuchsschwanz ab. Eine weitere Säge haben wir nicht im Haus, also schrauben wir den Ast in voller Länge in Omas Tannenbaumständer fest. Die Schrauben sind wahrscheinlich ein paar Jahrzehnte nicht mehr benutzt worden und vollkommen eingerostet. Ich stelle mich auf den widerspenstigen Ständer, während Jonas mit der Rohrzange versucht, die Schrauben zu bewegen.

Brich’ nicht noch die Rohrzange durch“, mahne ich. Die Zange bleibt heil, stattdessen brechen zwei der vier Halterungsschrauben des Ständers. Nachdem wir die beiden restlichen notdürftig in den Ast getrieben haben, sind unsere Hände und Pullis voller Harz. Die gesamte Konstruktion bekommt Übergewicht und fegt eine Blumenvase von Tisch. Die Vase bleibt heil, der Teppich ist nass und voller Blütenblätter. Uns bleibt nichts anderes übrig, als unseren Weihnachtsbaum mit der Wäscheleine am Bücherregal zu vertäuen.

Aus dem ramponierten Ständer ragt nun ein fast meterlanger harziger Ast, mehrfach angesägt, mit einer blauen Plastikwäscheleine umwickelt. In annährend rechtem Winkel dazu baumelt ein Büschel Kiefernzweige ins Zimmer. Der nasse Teppich ist voller Nadeln und Harz. Mein Mut stürzt kilometertief.

Wenn wir ihn schmücken, wird es besser“, muntert Jonas mich auf. Mit Tannenzweigen und Blumendraht versuche ich den hässlichen Stamm zu verkleiden, wir hängen Omas Glaskugeln und meinen Schmuck hinein. Da wir uns keine Weihnachtslichterkette leisten konnten, nehmen wir die Lichterkette vom Balkon, erleuchtete Zitronen, Bananen und Wassermelonenschnitze. Nie sah etwas einem Weihnachtsbaum weniger ähnlich. Ich möchte alles sofort wieder abbauen, aber Jonas meint besser ein garstiger Baum als keiner. Adele fragt gerade zum hundertsten Male: „Jonas, wann kaufst du endlich den Weihnachtsbaum?“

Er schnaubt und verbraucht Mamas gesamtes Tesafilm, um alles was ich gebastelt habe an die Fensterscheiben zu kleben. Ich versuche die Flecken aus dem Teppich zu rubbeln. Weil das nicht gelingt, bedecke ich die Fläche unter dem Baum, mit einem Tischtuch, darauf kommen die FIMOkrippe, der Nussknacker, das Räuchermännchen und die Geschenke. Das Zelt musste ich leider in einer Plastiktüte verpacken, wenigstens habe ich eine schöne rote Schleife aufgetrieben. Adeles Geschenk ist immerhin in Geschenkpapier gehüllt, wenn auch mit Küken und Osterhäschen drauf, Weihnachtspapier kommt hier so selten ins Haus. Jonas hat auch ein Geschenk für mich. Ganz schön riesig, in funkelnagelneu wirkendes Weihnachtspapier verpackt. Mamas Korb glitzert in Cellophan. Die bunten Teller quellen über, aber wenn Adele so weiternascht, werden sie das nicht mehr tun, wenn Mama nach Hause kommt. Jonas stellt die Teller auf den Schrank, Adele heult, das sei kein richtiges Weihnachten. Auch ich kämpfe mit den Tränen. Jonas stellt unverdrossen sämtliche Teelichter auf, kann sie nur leider nicht anzünden, weil Mama, wegen Adele, Feuerzeug und Streichhölzer versteckt hält. Um nicht völlig zu verzweifeln, stecke ich die Weihnachts-CD in die Anlage. Sie funktioniert nicht.

Ich will Naschies! Weihnachten ist blöd!“, kreischt Adele. Wortlos knalle ich ihr ihren bunten Teller auf den Schoß. Sie schlingt Schokolade, wie nur Adele schlingen kann. Innerhalb weniger Minuten ist der Teller leer und sie klebt von oben bis unten. Rosalie ist durch die ungewohnten Vorgänge im Wohnzimmer nervös geworden und kreischt in schrillen Kakadutönen. Die Katzen haben sich in Mamas Zimmer verkrochen. Mitten im Wohnzimmer auf dem nassen klebrigen Teppich liegen die Rohrzange, die leeren Tesafilmrollen und der zerbrochene Fuchsschwanz.

Als wir Mamas Schlüssel in der Tür hören, stürzen wir in den Flur, als gäbe es noch eine Chance die Katastrophe zu verbergen.

Kinder, was ist los? Ist was Schlimmes passiert?“, ruft sie erschrocken, als sie uns sieht. Mir bleibt keine Zeit darüber nachzudenken, was für einen Eindruck wir, beschmiert mit Harz und Schokolade, auf sie machen könnten, denn mir bleibt der Mund offen stehen.

Mama hält einen Weihnachtsbaum in der Hand, größer als sie selbst. Neben ihr steht Ludwig mit einem Tannenbaumständer in der einen und einem Turm Pizzakartons in der anderen Hand. Hinter den beiden tritt der Weihnachtsmann durch die Tür. Nicht so ein Typ mit angeklebten Bart, sondern ein Hüne mit einem echten weißen Vollbart. Er ist mit unzähligen Plastiktüten beladen und grinst von einer Bartseite zur anderen.

Mein Weihnachtsbaum!“

Adele hat sich als erste wieder gefangen und hüpft ausgelassen herum. Mama wird rot.

Wir wollten euch eine kleine Freude machen“, murmelt sie. „Wie wäre es, wenn ihr euch ein klein wenig wascht und ein bisschen, nun ja, sagen wir mal, dem Anlass entsprechend kleidet?“

Ich merke, wie auch ich rot werde.

Wir wollten dir auch eine Freude machen“, sage ich ganz leise. Jonas öffnet stumm die Wohnzimmertür.

Nein! Das ist ja … das ist ja …Ludwig, Gerhardt, das müsst ihr euch ansehen. Wie schön!“

Sie gibt Jonas und mir einen Kuss, Adele ist gerade in einem unküssbaren Zustand.

Ludwig, unser Baum passt doch daneben, oder?“

Jonas und ich ziehen uns um, die schwarzen Flecken sind nicht von den Fingern zu bekommen. Adele wird von Mama kurz entschlossen unter die Dusche gestellt. Ludwig und der Weihnachtsmann verschwinden im Wohnzimmer. Er ist wohl doch nicht der echte Weihnachtsmann, der würde kaum Gerhardt gerufen werden.

Als wir wieder ins Wohnzimmer kommen, sind die Werkzeuge verschwunden. Alle Teelichter brennen. Der zweite Weihnachtsbaum prangt neben unserem in verschwenderischer Pracht, weitere Päckchen in Weihnachtspapier sind dazu gekommen.

Ich schlage vor, wir essen vor der Bescherung, die Pizza wird sonst kalt“, sagt Mama gerade, als es klingelt.

Adele stürzt wie immer als erste zur Tür.

Noch’n Weihnachtsbaum“, sagt sie. Es klingt nicht besonders erstaunt. Dieser Baum ist der größte. Er füllt die Türöffnung komplett aus, ist fertig geschmückt, mit echten Kerzen, die nur noch nicht angezündet sind. Erst denken wir der Baum sei alleine gekommen. Doch als wir ihn hereinholen wollen, entdecken wir Oma und Murat im Treppenhaus, beladen mit Geschenken und einem Tablett türkischer Spezialitäten.

Ich hatte das Gefühl den Kindern fehlt etwas“, erklärt Oma betreten, nachdem Murat und Gerhardt den Riesenbaum im Flur aufgestellt haben.

Ja, Ludwig hat mich auch überzeugt, dass Elisabeth Rabe eine Rabenmutter ist und mich dazu gebracht, meine Kreditkarte hemmungslos auszunutzen. Dabei können meine Kinder hervorragend für sich selber sorgen.“

Sie weist ins Wohnzimmer. Komisch, Oma ist von dem Schauderbaum in ihrem ruinierten Ständer genauso begeistert wie Mama.

Beim Essen klingelt es wieder. Fischy steht in der Tür, mit einer Riesendose selbstgebackener Kekse und einem kleinen Weihnachtsbaum im Blumentopf.

Klein-Adele hat mir erzählt, wie sehr sie sich einen Baum wünscht und was für Mühe der Große sich gibt, seinen kleinen Pflegeschwestern eine Freude zu bereiten. Da dachte ich …“

Möchten sie lieber eine Pita oder ein Stück Pizza?“, Mama scheint nicht an Fischys Gedanken interessiert und stellt den Minibaum auf den Esstisch. Fischy und Oma verstehen sich auf Anhieb prächtig. Bald stellt sich heraus, Fischy wäre dieses Jahr in ihrer Weihnachtsstreberwohnung völlig allein gewesen, ihr Sohn ist zurzeit im Ausland beschäftigt, der Mann schon lange tot. Also läuft sie schnell rüber, um Gänsekeulchen mit Rotkohl zwischen Pizzakartons und Peperoni zu stellen.

Ja, Mensch, wenn ich an meinen Kumpel Ralph denke“, sagt der Weihnachtsmann. „Der hockt völlig allein im Männerwohnheim vor der Glotze.“

Ruf ihn an“, sagt Mama mit der Miene eines Menschen, den nichts mehr erschüttern kann. „Er kann kommen – unter einer Bedingung …“

Elisabeth, ich kann nicht garantieren, dass Ralph noch nüchtern ist.“

Ist mir egal, ich brauche selbst gleich einen Cognac. Aber er kommt ohne Baum!“

Ralph lässt sich ziemlich viel Zeit. Vor ihm klingelt der fünfte Weihnachtsbaum, in Begleitung von Adeles Kindergärtnerin, der dieses schreckliche Kind auch von der Suche nach dem Weihnachtsbaum erzählt hat. Der Weihnachtsbaum der Kindergärtnerin könnte ein Zwilling von Fischys sein und wird in Adeles Kinderzimmer verbannt. Die drei Überraschungseier der Kindergärtnerin bilden den Auftakt zur Bescherung. Oma freut sich wahnsinnig über den Ersatzjosef. Jonas hat nun zwei Zelte und ich kann ihm seinen CD-Player zurückgeben. Dieser liebste aller Brüder hat mir seinen eigenen in wunderhübschem Weihnachtspapier überreicht, aber der neue Apparat von Mama reicht mir. Nicht ganz ausreichend ist dagegen unsere Weinflasche für so viele Erwachsene in Feierlaune. Zum Glück hat Ralph, als er endlich kommt, zwei weitere Flaschen dabei. Im Treppenhaus hat er ein Weihnachtsgesteck gefunden, eine Karte liegt dabei. Für mich, mit den besten Grüßen der Familie Jelinski.

Es ist ziemlich eng in der Wohnung mit so vielen Menschen und Weihnachtsbäumen. Oma klönt mit Fischy, Adele tobt mit Ralph und Gerhardt über die Polster, Ludwig und Murat justieren die Tannenbäume. Jonas fachsimpelt mit der Kindergärtnerin über Chinchillas. Nachdem sie zig Mal beteuert hat, wie peinlich ihr das alles sei, hat sie sich die Rückkehr in ihre leere Wohnung ausreden lassen und kuschelt nun mit unseren Tieren. Mama und ihre Weihnachtsgehilfen haben selbst sie nicht vergessen: Rosalie bekommt ein Stück Melone, die Katzen Fischfilet, für das sie gern unterm Bett hervorkriechen. Sogar an Petersilie für die Meerschweinchen und Rosinen für die Chinchillas hat Mama gedacht. Jetzt guckt sie nachdenklich über das glitzernde Durcheinander.

Ich und fünf Weihnachtsbäume“, sagt sie leise.

Findest du es sehr schrecklich?“, frage ich besorgt.

Nein, irgendwie hat es Stil. Nächstes Jahr sollten wir vorher ein bisschen putzen.“

Putzen?“, Jonas reißt Mund und Augen auf. „Mama, wir sind doch keine Weihnachtsstreber.“

(Natalie Berghahn)

 

 

 

Weihnachtsdeko

Weihnachten ist nicht mehr aufzuhalten, auch die größten Optimisten behaupten nicht mehr, dass es noch ein bisschen hin sei.

Also Zeit für Weihnachtsgeschichten!

Und für mich der Zeitpunkt das Experiment zu wagen, mal etwas deutlich längeres als eine Etüde einzustellen.

Also wer Zeit und Lust hat, sich – vielleicht bei einem Tässchen Tee und ein paar Weihnachtskeksen – etwas erzählen zu lassen, ist herzlich eingeladen.P1040907

Weihnachtsdeko

Ich hatte ich nie erwartet in eine Weihnachtsgeschichte hineinzugeraten, ich halte mich für unterqualifiziert für dieses Genre. Ich bin weder bitterarm noch Flüchtling noch Waisenkind. Zum Glück haben mich nicht all‘ meine Lieben verlassen, und ich bin auch nicht ohne Obdach wie dereinst Josef mit seiner hochschwangeren Frau und schwanger bin ich schon mal gar nicht.

In Sachen Frömmigkeit bin ich kein großes Licht, meine Großherzigkeit mag über dem Durchschnitt liegen, ein Fall fürs Guinessbuch ist sie nicht.

Noch erstaunlicher finde ich, dass sich die ganze Angelegenheit im Haus von Tante Ingrid und Onkel Fritz abgespielt hat, die ich für die unterqualifiziertesten aller Unterqualifizierten gehalten habe, nicht nur weil sie genauso überpriveligiert lebten wie die gesamte Familie, sondern weil sie sich jedes Jahr abstrampelten, um selbst ein Weihnachtswunder zu fabrizieren – und was für eins!

Ihr gediegenes, aber unauffälliges Einfamilienhaus aus gelbem Klinker verwandelten sie jeden Dezember in ein vielbeachtetes „Weihnachtshaus“; selbst das Lokalfernsehen war schon angerückt, um 1080 m Lichterschläuche verlegt auf einem 600 qm Grundstück zu filmen, hinzu kamen Gimmicks wie illuminierte Rentiere, Schlitten und ein lebensgroßer durch ein Gebläse aufrecht stehender Weihnachtsmann aus dünnen Polyesterstoff, der tagsüber als leere Hülle auf den nassen Rasen lag und ein bisschen makaber aussah.

Um den kleinen Gartenteich dampfte und blinkte eine kunterbunte Eisenbahn mit einem pausbäckigen Santa Claus im Führerstand. Ich war elf, als Onkel Fritz und ich diese Bahn das erste Mal zusammen aufgebaut hatten, es war knifflig gewesen, besonders die wettersichere Verkabelung, zumal die Gebrauchsanweisung offenbar von einem Analphabeten ohne Deutschkenntnisse übersetzt worden war. Es bleibt eine meiner schönsten Erinnerungen nach mehreren Stunden Schräubchen drehen mit Onkel Fritz und Tante Ingrid Kakao zu trinken, Plätzchen zu mümmeln und dabei unser Wunderwerk im Kreis fahren zu sehen. Logo, dass ich im folgenden Jahr beim Aufbau des fast lebensgroßen Leuchtelchs dabei war. Und bei den Sternschnuppen für den Zaun. Meine niedliche Begeisterung beim elektrische Weihnachtsdeko zusammenbauen avancierte im Lauf der vergangen Jahre zu einer im Familienkreis gern weiter erzählten Anekdote. „Süß, wie der Daniel dem Fritz immer bei seinen verrückten Weihnachtsinstallationen hilft“, man sah mich in Fritzens Fußstapfen treten.

Langsam bin ich zu groß für diese Spielchen, was ich aber meinem Onkel, der mit 54 Jahren immer noch klein genug ist, nicht klar machen kann.

Geh‘ doch wenn’s irgendwie geht“, nötigte mich meine Mutter auch in diesem Jahr. „Fritz und Ingrid freuen sich immer so. Besonders Fritz hat einen Narren an dir gefressen. Du weißt ja, er hätte so gern selbst einen Sohn gehabt …“, den er aber nicht hat, auch keine Tochter „hat nicht sollen sein“, sagt Ingrid dazu.

Sie sind wirklich sehr nett und manchmal ist es schön einen Nachmittag lang nicht drei Geschwister zu haben, sondern einfach nur Onkel Fritz‘ und Tante Ingrids Augapfel zu sein, man muss ja keinem erzählen, dass man mit diesen Weihnachtsstrebern verwandt ist. Laura-Marie habe ich es unter dem Mantel der Verschwiegenheit gestanden, mir gelang es, Onkel Fritz als liebenswertes Original darzustellen und mich als den coolen, spöttischen Kerl, der den peinlichen Quatsch augenzwinkernd mitmacht. Laura-Marie vertraute mir ebenfalls mit gesenkter Stimme an, dass sie als Kindergartenkind immer gequengelt hatte, bis ihre Eltern sich zu einem Spaziergang zum schon damals bekannten Weihnachtshaus erbarmten. „Wenn ich gewusst hätte, dass du da ein und ausgehst, wärst du mein Held gewesen, ich hätte alles unternommen, um mit dir befreundet zu sein“, ich wurde rot.

Also machte ich mich auf den Weg, hoffend, dass Onkel Fritz‘ neuester Errungenschaft eine nachvollziehbare Montageanleitung beiliegen möge und wir möglichst ohne Umwege bei den Plätzchen landen würden. Mein Onkel hatte nicht verraten, wofür er sein Geld rausgeschmissen hatte, sondern nur geheimnisvoll in den Telefonhörer gekichert.

Mir zu Ehren war das Haus schon am frühen Nachmittag grell beschlaucht, die Eisenbahn tuckerte, aber der Weihnachtsmann voll heißer Luft und etliche Rentiere fehlten – vor sechs Uhr würde es mit dem Kaffetrinken nichts werden, aber bestimmt brachte Ingrid zwischendurch ein Tellerchen Kekse nach draußen.

Ich fand bei Tageslicht machte das Ganze endgültig nichts mehr her und die Tatsache, dass wir mit rund 12 Grad Celsius den wärmsten Dezember seit Menschengedenken hatten, machte das Ambiente nicht weihnachtlicher, nur matschiger. Außerdem war es ziemlich stürmisch. Onkel Fritz stand gerade auf der Leiter und fixierte die Vierfarbeffekt-Lichterkette in der Spitze der Fichte neu, seine Frau hing mit ihrem ganzen Gewicht am unteren Ende der Leiter, damit Onkel Fritz nicht umgeweht wurde. Den menschengemachten Klimawandel konnten auch mein Onkel und meine Tante nicht aufhalten, immerhin trugen sie kräftig dazu bei.

Ohne Schnee taugt das alles nichts“, erläuterte Fritz, „daher…  schau mal“, eine große metallene Trommel wie von einer Betonmischmaschine, mein Herz sank, wenn wir für das diesjährige Highlight Fundamente gießen mussten, würde es nichts mehr mit einem Treffen mit Laura-Marie nach dem Plätzchenessen.

Nee, nee keine Betonmischmaschine“, Onkel Fritz holte effektvoll Luft, ehe er die Katze aus dem Sack ließ: „Eine Schneekanone! Jetzt wird es hier endlich weihnachtlich aussehen.“

Nicht immer gelang es mir meine Gesichtszüge so cool auf der Reihe zu haben, wie ich das gern hätte. Die ganze Beleuchterei war ja schon ökologisch grenzwertig, aber dank LED-Technik als Marotte vertretbar. Am Bau einer Schneekanone, diesem Symbol menschlicher Anmaßung und sinnloser Naturzerstörung in den Bergen, über die wir Flachländer uns erregten, wollte ich eigentlich nicht mitwirken.

Onkel Fritz“, hakte ich behutsam nach.Hast du dir schon mal klar gemacht, wieviel Strom so eine Anlage verbraucht?“

Stromverbrauch, ach Junge jetzt fängst du auch noch damit an. Einmal im Jahr soll der Mensch es schön haben dürfen, einmal nicht an Klimakatastrophen und all‘ solche Scheußlichkeiten denken. Ich werde die Schneekanone auch nicht jeden Abend einschalten“, das sagte er bei jedem neuen Teil – und konnte sobald die ersten Passanten den Gehweg hochkamen nicht widerstehen sämtliche Schalter umzulegen.

Wir sind nicht gegen das Klima“, verteidigte Ingrid ihren Mann. „Wir haben Solarpaneele auf dem Dach und letztes Jahr diesen Hyperenergiespartiefkühlschrank gekauft, da musst du nicht so eine kleine Schneekanone madig machen. Denk mal wieviel Freude wir bereiten, immer wieder bekommen wir Briefe von glücklichen Eltern und Kindern!“

Mein Handy quakte, eine SMS von Laura-Marie. Was ist’s ? Schneekanone, tippte ich zurück und hörte mir mit halbem Ohr die Vorzüge dieser besonders kompakt arbeitenden, energiesparenden Schneekanone an „Sie wird ja nur das Ensemble mit den Rentieren und Wichteln beschneien, nicht den ganzen Garten“. Viel zusammen zu schrauben und zu stecken gab es nicht, also verzog ich mich nach hinten, um den Leuchtelch aufzustellen.

Willst mich veräppeln?, Laura-Maries nächste SMS. Just in dem Moment warf eine fiese Bö den fast fertig montierten Elch um. Hinterbeine und rechte Geweihschaufel rissen aus ihren Steckverbindungen, außerdem fing es an zu regnen.

Komm‘ doch und guck selbst, simste ich zurück und Onkel Fritz winkte und rief fast dasselbe: „Komm schnell her, hier wirst du die erste Schneekanone unserer Stadt in Aktion sehen. Hier fülle ich das Fluid ein …“

Was für ein Zeug?“

Keine Ahnung, man braucht 1,2 Liter für einen Kubikmeter Schnee. Wenn ich alle Adventssonntage beschneie, brauche ich bloß 14,4 Liter“, – von was für einer Chemikalie auch immer

Der Regen wurde stärker. Die Schnneekanone sah nicht nur ein bisschen wie eine Betonmischmaschine aus, sie hörte sich auch so an, interessiert guckten wir zu, wie sich im Innern der Trommel kleine Kristalle zu bilden begannen, „aber langsam könnte sie ja auch mal beginnen zu schneien“, maulte ich ungeduldig. „Erst muss sich ja mal Schnee bilden“, zügelte mein Onkel meine Ungeduld. „O je, was ist denn dass für ein ungesundes Geräusch?“

Äh, bloß mein Handy, meine … ich meine, eine Freundin fragt, ob sie die Schneekanone angucken darf.“

Überflüssige Frage, Onkel Fritz war geschmeichelt, noch vor der ersten Schneeflocke zog seine Neuerrungenschaft Publikum an.

Die rotierende Trommel füllte sich immer mehr und plötzlich begann sie sprötzende Geräusche zu machen.

Ingridlein, schnell, es geht los“, brüllte Onkel Fritz. Zu dritt starrten wir in die Trommel.

Aua“, messerscharfe Eiskristalle spritzten uns in die Gesichter, wir sprangen zur Seite.

Vielleicht war diese Schneekanone ein wenig zu kompakt und energiesparend, ein armseliger Strahl Eiskristalle wurde auf den Rasen gesprüht, wo er sofort schmolz. Mein Onkel ließ einen Stapel höchst unweihnachtlicher Flüche ab und vertiefte sich in die Gebrauchsanweisung, „da klappt irgendwas mit der Mischung von Wasser und Fluid nicht“, brummelte er. „Der Elch!“, kreischte Ingrid, er war noch nicht gesichert gewesen, da ich ihn, um das Bein wieder anzustecken, auf die Seite gelegt hatte.

Nun trieb der Sturm den Elch in mehreren Einzelteile Richtung Gartenteich und Bimmelbahn.

Wir rannten, retteten die Bahn, aber es war klar, dass es heute keinen Elch mehr geben würde, der Sturm nahm zu, ein Ast aus der großen Fichte brach und riss den größten Teil der Vierfarbeffekt-Lichterkette mit in die Tiefe, eines der kleineren Rentiere wurde im Zuge dessen aus der Verankerung gerissen, nicht weiter schlimm, das kam jedes Jahr vor, leider zog es eine wichtige Verteilerdose mit sich und dreiviertel des Gartens lagen im Dunkel, nur die Lichterschläuche am Haus leuchteten noch und die Schneekanone rotierte eifrig weiter, ich merkte wie meine Schultern trotz Gore-Tex durchweichten.

Wir hören auf, das ist ja lebensgefährlich“, entschied mein Onkel. „Ich muss eben nur die Schneekanone wieder abbauen. Aber irgendwie muss der Schnee ja wieder raus.. hm, wenn man hier stochert, geht vielleicht…“

Laura-Marie kam gerade im richtigen Moment, um zu sehen, dass 1,2 Liter Fluid für einen Kubikmeter reichten, die Maschine schneite kein bisschen beschaulich, sondern war von graupelkleinen Eiskristallen zu etwas ananasgroßen Exemplaren übergegangen, die unkontrolliert in die Gegend geschossen und vom Sturm weiter verwirbelt wurden, die Bimmelbahn wurde aus den Schienen katapultiert, der Trafo der Vierfarbeffekt-Lichterkette demoliert, wir flüchteten und suchten auf der Terrasse Schutz, Laura-Marie zückte geistesgegenwärtig ihr Handy und filmte, wenn auch die Lichtverhältnisse erbärmlich waren.

Trotzdem wären wir mit dem Clip „Durchgedrehte Schneekanone bei Windstärke Neun ruiniert Weihnachtsdeko im Wert von 5000 Euro“, bei YouTube groß rausgekommen. Meinem Onkel hätte diese Art Ruhm gefallen. Schnell wäre er über den Verlust seiner Weihnachtsschätze hinweggekommen, zumal sich vom Hersteller der Schneekanone bestimmte noch irgendetwas an Schadensersatz hätte raushandeln lassen.

P1040911

Doch dann passierte das Unerwartete, das Weihnachtliche, das, das uns meinem Gefühl nach nie zugestanden hatte.

Erst war es nur ein Schrei: „Neeeeein, das ist faaaaaaalsch“, eine Aussage, die wir alle in diesem Augenblick unterschrieben hätten.

Hufe trappelten, irgendetwas knirschte. Jemand sagte aufgebracht: „Das ist kein magischer Schnee, das ist wer weiß was für ein Quatschschnee und es wird nicht gelandet, bevor ich es sage.“

Laura-Marie ließ entgeistert das Handy sinken, dabei wäre, was wir nun sahen das YouTube-Video des Jahres geworden. Auf dem Rasen standen sechs eingeschirrte Rentiere, keines mit einer roten Nase, aber ansonsten so Santa Claus mäßig, als seien sie gerade einer Coca Cola Werbung entsprungen, der Schlitten hatte die Schneekanone umgerissen und meine geliebte Eisenbahn unter sich zermalmt.

Zwei erstaunlich kleine Männer mit roten Zipfelmützen stiegen ab, besahen sich den Schaden und berieten sich leise.

Hallo“, rief schließlich einer von ihnen. „Sind hier irgendwelche Menschen zugegen?“

Wir sahen uns ratlos an, dann fasste Onkel Fritz sich ein Herz und rief mannhaft: „Jo, hier.“

Die Männer kamen herüber, sie waren kaum größer als mein sechsjähriger Bruder.

Ziegenbart, Weihnachtswichtel“, stellte sich der Ältere der beiden vor. „Und das ist Hinnak, mein Kollege, wir haben leider hier in Ihrem Garten einen kleinen Arbeitsunfall gehabt“.

Er schüttelte jedem von und die Hand. Ich ergriff die schmale Hand wie im Traum, auch mein Onkel und meine Tante brachten kein Wort des Grußes über unsere Lippen.

Ich arbeite meinen neuen Kollegen ein“, fuhr Ziegenbart fort und wies auf Hinnak. „Außerdem ftrainieren wir die Jungrentiere fürs diesjährige Weihnachtsfest. Wenn wir geahnt hätten, wie stürmisch es werden würde, hätten wir heute nicht unseren ersten Ausflug in die Menschenwelt geplant. Unsere Jungrentiere lassen wir bei solch unweihnachtlichem Wetter auf magischem Schnee landen, das ist einfacher als auf Gras oder Parkplätzen und als sich bei Ihnen plötzlich Schnee materialisierte, ist mein Kollege dem Irrtum erlegen …“, Hinnak schaute betreten zu Boden und Ziegebart fuhr fort: „Selbstverständlich wird mein Chef, also der Weihnachtsmann, Sie angemessen entschädigen. Eine Leuchteisenbahn, wenn ich recht sehe, aber was war das? Eine Betonmischmaschine?“

Wir müssen bescheuerter als eine Viererpackung Schokoweihnachtsmänner ausgesehen haben, zu verdattert auch nur ein Wort rauszubringen. Bei allem Weihnachtshype glaubte doch keiner von uns mehr an den WEIHNACHTSMANN.

Meine Tante fasste sich als erste: „Keine Ursache, Herr Ziegenbart. Den Weihnachtsmann wollen wir in dieser stressigen Zeit nicht belästigen. Mein Mann würde am liebsten jedes Jahr neuen Weihnachtsschmuck kaufen. Und eine Schneekanone kommt mir nicht noch einmal ins Haus, 380 Euro bei E-Bay und dann verunglücken erst wir fast und dann noch der Weihnachtsmann. Nie wieder.“

Natürlich, natürlich“, bekräftigte Fritz die Worte seiner Frau. „Wir sind viel zu geehrt von Ihrem Besuch, Weihnachtswichtel und Rentiere persönlich, das wiegt jede Schneekanone auf. Dürfen wir Ihnen Kakao und Plätzchen anbieten? Meine Frau ist eine hervorragende Bäckerin!“

Gerne“, Ziegenbart lächelte wie ich nie einen Menschen lächeln sah, es war, als hätte man plötzlich ein wohlig wärmendes Feuer in sich.

Wir aßen und tranken gemeinsam, Laura-Marie – die eine echte Tierfreundin ist – streichelte verzückt die Rentiere, aber wir sprachen wenig, zu befangen von dem, was uns geschah.

Als Ziegenbart Onkel Fritz fragte, wozu man um Himmels Willen eine Schneekanone brauche, antwortete dieser poetischer als ich es je von ihm erwartet hätte. Ganz leise sagte er: „Weil es einem die Vorstellung gibt, ein fliegender Rentierschlitten könnte bei einem im Garten landen.“

Ziegenbart lächelte wieder sein im wahrsten Sinne des Wortes herzwärmendes Lächeln.

Lange winkten wir dem Schlitten nach, dann gingen Laura-Marie und ich Arm in Arm nach Hause.

Onkel Fritz und Tanze Ingrid beseitigten den Flurschaden – den die Nachbarschaft dem Sturm zuschrieb – aber sie brachten keine neue Deko an

Brauch ich nicht mehr Junge, du weißt wieso“, ich nickte.

In der Weihnachtsnacht schneite es bei 15 Grad Celsius genau über dem Haus von Ingrid und Fritz zwanzig Zentimeter Bilderbuchschnee für 24 Stunden, und sie wurden doch noch der Renner auf YouTube.

Aber keiner von uns hat je offenbart, dass dieser magische Schnee die Entschädigung des Weihnachtsmanns war oder hat überhaupt je von unserer Begegnung im Sturm erzählt. Wir wollten den Wichtel mit dem herzwärmenden Lächeln weder blamieren noch verraten, selbst mit Laura-Marie spreche ich nicht darüber, aber manchmal lächeln wie einander an und wissen, dass dieses Lächeln aus einer anderen Welt kommt.

Einmal meinte meine Mutter zu Tante Ingrid: „Das hält für eine Jugendliebe schon erstaunlich lange“, und ihre Schwägerin antwortete: „Ja, die beiden verbindet etwas ganz besonderes.“

(Natalie Berghahn)

Und was wünschst du dir zu Weihnachten?

Die ABC-Etüden gibt es zurzeit in einer besonderen Adventsedition, für die Christiane einen allgemeinen Adventswörterspendenaufruf gestartet hatte.

Aus 24 von ihr erwählten Wörtern galt es sich drei rauszupicken, um den üblichen Zehnsatztext zu basteln, für alle Weihnachtsgestressten mit drei Wochen Zeit.

Die Versuchung war zu groß- yep, es passen 24 Wörter in zehn Sätze, die zugegeben zum Teil recht lang geraten sind.

Die Illustration stammt natürlich vom getreuen Ludwig Zeidler.

2017advent_2a

Überfallartig wie ein böser Zauber brach der Schrei aus einer unbemerkten Kammer der Finsternis in ihr, entsetzlich peinlich, wo Frau Wohlers doch so eine Nette war. Lichterketten, damals noch nicht allgegenwärtig, sondern etwas Besonderes, schmückten die Physiotheraperiepraxis, in die Nora zweimal die Woche verschleppt wurde, auf dem Tresen flackerten drei Kerzen am Adventskranz, die Tresenfrau bot Dominosteine an, die Nora wegen des innewohnenden Schleims nicht wollte und an den Fenstern klebten aufwendig gestaltete Sterne, doch dem ganzen Weihnachtsaufgehübsche gelang es nicht den vertrauten Geruch nach Angst aus den Räumen zu vertreiben.

Frau Wohlers hatte sich ganz schön erschrocken, wahrscheinlich hatte sie alle Patienten unter zwölf heute lächend gefragt und was wünschst du dir zu Weihnachten?, aber nur ein Kind weit und breit hatte hysterisch zu schreien begonnen: Nichts, immer fragen das alle, niiiiichts!

Nach der Therapie hatten sie auf den Weihnachtsmarkt gewollt, Schmalzkuchen für Nora, Glühwein für Mama, Kuschelsocken für Oma, die ewige Frostbeule, zu Weihnachten kaufen und vielleicht noch ein paar Lose für die Geschenklotterie erwerben, denn die unterstützte schließlich die, die es Weihnachten nicht so gut hatten wie wir, aber nun war Mami böse, blamiert und lenkte das Auto heimwärts.

„Nora, das war eine ganz normale Frage, die kriegen alle Kinder gestellt, nur du führst dich wieder mal völlig unmöglich auf, Frau Wohlers kann ja nicht wissen, dass du so abartig bist, hättest doch einfach „ein Buch“ sagen können oder meinetwegen „Schnee an Weihnachten“, das wünschst du dir doch sogar wirklich.“

Nora blieb nach außen verstockt und schämte sich in aller Einsamkeit nicht so sein wie sein sollte und wollte, es war keine Absicht, sie hatte wirklich Angst vor Geschenken, vor den Stofftieren, die sie mit glasigen Augen anstarrten und die sie nicht auch noch so innig lieben konnte wie die Stofftiere und Puppen, die schon hatte, vor Kleidung die nicht so roch wie sie riechen sollte, vor fremden Büchern und Spielen, die in ihre gute Ordnung nicht einfach so hinein zu quetschen waren. Und an allem klebte Schuld, unterm armen abgehackten Tannenbaum wurde betont, welch Überfluss das alles mal wieder sei und andere Kinder haben gar nichts, allen Spendenaufrufen zum Trotz, Noras Hoffnung, die Erwachsenen würden es schaffen, die Geschenke endlich richtig  zu verteilen wurde Jahr um Jahr enttäuscht.

Mami regte sich wieder ab, Nora fühlte sich noch immer gehäutet, aber es gab an diesem Abend Christstollen im Kerzenschein, der heißgeliebte Kater schnurrte tröstlich auf ihrem Schoß und sie durfte ausnahmsweise mit den Eltern fernsehen, die „Feuerzangenbowle“ , aber sie mochte den maßlosen Mann, den alle so lustig fanden, nicht

Ach verflixt, der allweihnachtliche Blues hat mich wieder, dachte Nora während sie Backbleche schrubbend über diese mehr als vierzig Jahre zurückliegende Begebenheit nachsann, dabei hatte sie sich befreit, ein gutes Essen mit zwei Freundinnen, das zum Kaffee gern in eine kleine Zuckerorgie ausarten durfte, ergreifende Musik, Gedichte, eine liebevoll gestaltete Krippe, kein hingemetzelter Nadelbaum, kein geschlachtetes Tier, keine Geschenke, das Weihnachtsgeld diskret gespendet, kaum Stress, nur der nöhlende Sound ihrer Mutter, wenn sie Noras auch im sechsten Lebensjahrzehnt nicht endenden Absonderlichkeiten beklagte.

Friedensnobelpreis und eine sehr verspätete Etüde

Heute mittag nahm die Generalsekretärin von ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen.

Ich war voller Freude, ein wenig stolz, gerührt und bei den Worten der Hiroshimaüberlebenden Setsuko Thurlow habe ich geweint, wie immer.

Wenn es nicht so sinnlos wäre, würde ich unsere amtierende Bundesregierung an dieser Stelle auffordern, Mut zu beweisen und den UN-Vertrag zum Verbot aller Atomwaffen zu unterzeichnen.

Das Fundevogelnest lässt mir seit Jahren wenig Raum für politische Aktivitäten und das, was ich in der letzten Zeit überhaupt in dieser Hinsicht getan habe, hatte andere Schwerpunkte. Dennoch fühle ich mich dieser Bewegung für immer verbunden, viele meiner Erinnerungen und einige Lebenszeit gehören den Kampagnen gegen Atomwaffentests und Uranabbau mit seinen furchtbaren Folgen für die Natur und die Menschen in seinem Umfeld.

Ich weiß nicht, inwiefern ich überhaupt nützlich war, ich hoffe zumindest ein bisschen; belohnt wurde ich für weniges im Übermaß,  mit Begegnungen, die in meinem Leben nicht besonders wahrscheinlich waren und es so viel reicher gemacht haben.

Im Publikum in Oslo saß heute auch meine Freundin Marion, bei der die Worte „ihr Leben der Sache gewidmet“  keine Phrase sind, die immer unterwegs ist, die vom materiellen Minimum lebt, um immer Zeit für ihre Lebensaufgabe zu haben.

Marion, du hast diese besondere Stunde so verdient. Du und so viele andere, ob ihr noch lebt oder schon tot seid wie Renate, Gisa und Bill Rossee, ihr Unermüdlichen, ihr Belächelten, Verlachten, Verseuchten, Verleugneten, die ihr uns nach Kräften vor einer Katastrophe beschützt, die wenn sie denn einträte all‘ unsere anderen Sorgen unerheblich machen würde.

Ihr alle seid heute geehrt.

Danke.

P1040873

an der Nevada Test Site 1989

 

Und weil es thematisch dazu passt, habe ich meine angefangene ABC-Etüde mit Myriades (auf ihrer Website schneits!) ansprechender Wortspende

langwierig

klöppeln

Flussbett

doch noch fertig gestellt:

Drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, neun Paar Klöppel, sonst nutzt sie mehr, doch heute friert es und sie will pünktlich zu Hause sein, bald werden ihre Finger ohnhin streiken, noch geht es es mit Pulswärmern und Wärmflasche unterm Klöppelkissen, kreuzen und drehen, bloß nicht inne halten, das Transpa davor gespannt schützt ein wenig vorm Wind.

Sie braucht etwas in den Fingern, sonst hält sie es so sichtbar nicht aus, schon damals nicht als sie jung war, jung und verliebt, im selben Sommer eine Freundin fürs Leben gewonnen, später dann mit einem Kind unter dem glühenden Herzen. Sogar ins Gefängnis war sie gegangen, schwanger und voller Inbrunst, verurteilt vom Landgericht Ellwangen nach Paragraph 240 StGB. Mit dem kleinen Malte hatte sie den Knast dann vermieden, vermeiden konnte man, ein Riesen-Privileg, an den Flüssen erst hat sie das verstanden, kreuzen, drehen und nachsichtig den Kopf schütteln, Nachsicht mit ihrem früheren Ich.

In Mutlangen hatte sie noch nicht geklöppelt, da hatte sie stricken gelernt. Die Pershing 2 wurden mittlerweile verschrottet, Malte ist Lehrer und Familienvater, Simon für medico international in Afghanistan, Frederick studiert in Jena, ihr Mann hat schon lang eine neue Frau, neue Kinder obendrein, in Büchel hält die US-Army bis heute zwanzig Atombomben zum Abschuss bereit und die Freundin ist ihr geblieben.

Die Freundin müht sich noch immer ab auf dem langwierigen Weg gegen den Atomtod, sie selbst ist zur Flussfrau geworden, nach ihren Reisen zur Narmada, zum Xingu, zum Rancheria. Als die Jungen groß waren hatte sie teilgenommen an Protesten und Märschen gegen Staustufen, Kohleminen und Verlegung ganzer Flussbetten, hatte andere, grausamere Polizeigewalt gesehen und begriffen, körperlich begriffen, dass Flüsse Leben sind, ohne sie wird nur Hunger und Wüstenei sein, ganz ohne atomaren Winter.

Drehen, kreuzen, drehen bald ist die wellenartige Arabeske fertig, der Wind zerrt am Klöppelbrief, genug für heute, ein paar Spaziergänger bleiben stehen, guckt nur Leute guckt, hier sitzt eine alte Frau und klöppelt sich hinter einem Transpa Rheumatismus in die Finger, weil sie glaubt so gegen etwas die Ausbaggerung des Flussbettes der Elbe tun zu können, hier können Sie unterschreiben, dort spenden und falls Sie eine handgeklöppelte Arabeske zugunsten der Klägergemeinschaft erwerben möchten…

Aber bitte schnell, sie muss los, im Fernsehen vielleicht einen Blick erheischen auf ihre Freundin, denn die ist in Oslo heute am 10. Dezember 2017.

 

Ein bisschen Adventskitsch im Fundevogelnest

In Ratgebern wird betont, wie wichtig gemeinsame Mahlzeiten im Familienkreis für das Gedeihen von Kindern seien.

Ob die nach einer Mahlzeit bei uns ergänzen würden mit gewissen Ausnahmen?

Zum einen gibt es hier den flüchtigen Gast. Freundliches Klopfen an die Zimmertüre „Essen fertig “ wird mit irgendwelchen Gebrüll von wegen unzumutbar beantwortet. Wenn die Mahlzeit gerade begonnen hat, erscheint dieser Gast zuverlässig, schnuffelt und muffelt am Essen herum, kippt, egal was es ist, eine Wagenladung Ketchup darüber, isst und verschwindet wieder.

Der flüchtige Gast kocht übrigens sehr gern und sehr gut für alle, hält sich stundenlang vorbereitend in der Küche auf, um dann während des Essens wie fortgeweht zu entschwinden.

Vielleicht liegt es am Klopfer, der steht sofort parat, wenn es Essen gibt, mag alles (auch ohne Ketchup), versucht sich noch mehr Essen von den anderen Tellern zu nehmen, gießt seine Getränke auf Nachbarteller (das besonders treibt den flüchtigen Gast in den Wahnsinn), greift in jede Schüssel egal wie heiß der Inhalt ist , wirft auch schon mal was quer über den Tisch – und klopft. Klopft mit dem Löffel auf den Teller, mit der Gabel auf das Glas, auf Plastik, auf Porzellan, auf Tischplatte und Stuhlkante. Rhythmisch, monoton, unerträglich.

Nimmt man den Löffel weg, wird rasch Ersatz gefunden oder der ganz große Wutanfall gestartet, Teller mit ohne Essen darauf  fliegen und der Klopfer findet sich außerhalb der Küche wieder …

Adventsdeko auf dem Tisch? Wir sind ja nicht bescheuert.

Nein, ich bin nicht glücklich mit dieser Situation. Ja, ich bin konsequent. Aber andere sind hier konsquenter.

In der Stunde tiefster Ratlosigkeit finde ich mich chattend mit anderen Pflegeeltern wieder. Sehr beruhigend: Gerade unter den alkoholgeschädigten Kindern finden sich manche Exemplare, die dem Klopfer locker den Rang Weltgrößte Krawallschachtel ablaufen.

Das macht schon mal lockerer.

Und erstaunlich viele lassen diese Kinder alleine – unter Aufsicht, aber halt nicht mit der Familie essen.

Hm.

P1040852

Davon habe ich meinen beiden Großen heute erzählt. Unsicher. Denn wir genießen es schon jedes Mal , wenn wir zufällig ohne Klopfer essen.

Das werden wir mit unserem Kleinen nie machen, wie würde er sich dabei fühlen?

Wir sind doch seine Familie, Familien essen zusammen.

Was sind das denn für komische Familien? (sagt der flüchtige Gast).

Er gehört zu uns.

Mir kommen fast die Tränen. So einfache, wahre Sätze. Oh wie liebe ich die Fundevögel, sowieso und für diese Worte ganz besonders.

Eine Sekunde lang denke ich, wir schaffen es doch noch zu Weihnachtskitschfamilie. Oder immerhin zu ein paar Tischmanieren so in den nächsten Jahren.

Wäre schön.

Aber wir gehören jetzt schon zusammen.

(Und die Ratgeber hatten recht.)

 

 

 

 

 

Kurze Pause

Diese Woche gibt es keine ABC-Etüde, dabei hat mich Myriades Wortspende sofort angesprochen und ich hatte auch angefangen zu schreiben. Dergls Aufruf  Texte zum heutigen Welt-AIDS-Tag zu verfassen, hat mich sehr gereizt, auch das wird nichts.

Der Grund ist banal: kraaaaank, nix weltbewegendes, aber eine ausgesprochen hartleibige Erkältung, die seit Tagen nicht weichen will.

In solchen Zeiten zeigt sich wie fragil das System Fundevogelnest ist: Der kleine Fundevogel ist beunruhigt, vermutlich weil ich nicht zu so viel Blödsinn augelegt bin wie sonst. Und ein verunsicherter Fundevogel intensiviert das, was sie in Gutachten herausforderndes Verhalten nennen — sprich weglaufen, Gegenstände zerrupfen, laut irgendwo gegen schlagen und natürlich bei jedem Frust auf mich losgehen, heute habe ich mich mal wieder gefragt, was eigentlich sein wird, wenn er eines Tages stärker ist als ich.

Da nutze ich die Stunden während der Zwerg schläft oder in der Kita weilt (nein, sie können ihn auch nicht ausnahmsweise die volle im Vertrag stehende Stundenzahl betreuen, wegen des herrausfordernden Verhaltens und so) schlauerweise zum Schlafen statt zum Schreiben…

Der mittlerweile große Fundevogel konnte als kleines Kind noch schwerer mit Krankheiten meinerseits umgehen, da reagierte die nackte Panik – leicht nachvollziehbar bei einem Menschen, den man mit 14 Monaten als Begleitung mit zum stationären Drogenentzug seiner Mutter geschickt hatte, als Motivation für die Mutter, die heute sagt auf so etwas würde sie sich nie wieder einlassen.

Zumindest diese Ängste hat der mittlerweile pubertierende Fundevogel hinter sich gelassen und kuriert die eigene Krankheit gelassen am Smartphone.

Der Kleine und ich haben dafür etwas getan, was wir sonst nicht tun: Einen Kinderfilm geguckt, nämlich die Sendung mit dem Elefanten zum Thema Behinderung. Also der Kleine hat das Intro und das Kinderlied gefühlte siebzig Mal sehen wollen, beim Rest fing er dann an den Computer zu quälen, war aber auch eher für ältere Kinder. Den Rest habe ich mir dann eben angesehen und besonders den Trickfilmteil fand ich so gelungen, dass ich mich doch kurz gemeldet habe.