Kein Applaus (ABC-Etüde)

Die gelben Kittel knistern bei jeder Bewegung. Ehe das Zimmer halb fertig ist, rinnt einem der Schweiß unterm Plastik den Rücken hinunterIrgendwas liegt da, nicht das übliche Verpackungszeugs, das die Schwestern erstaunlich achtlos auf den Boden fallen lassen. Das Faceshield macht die Vorzüge der Gleitsichtbrille zunichte. Abnehmen soll man das sperrige Ding lieber nicht. Seit ich fertig geimpft bin, habe ich allerdings nicht mehr solche Panik, weil dann ist es wohl mehr wie eine Erkältung.

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Eine Bienenkönigin fährt Bahn

Die Erpel sind so heftig damit beschäftigt gegeneinander zu kämpfen, dass man auf dem Weg an der Au Gefahr läuft über Kontrahentenknäuele zu stolpern. Die Amseln sind auch nicht besser, klären ihre Angelegenheiten aber in der Luft.

Das Ganze fühle sich nicht nach 19. Januar an, sondern eher nach 19. Februar, wenn nicht gleich nach 19. März und die Frau Fundevogel bekommt einen akuten Hornveilchenkaufanfall. Der Baumarkt, der für ein einziges Exemplar 2,39 Euro haben möchte, lässt sie noch mal innehalten, aber auf dem Wochenmarkt kosten sie soviel wie sie im kalendarischen Frühling vermutlich auch noch kosten werden.

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Eine kleine Decke (ABC-Etüde)

Da manche von Ihnen das gern vorher wissen; Es ist eine durchaus traurige Geschichte, denn sie erzählt vom Tod zur Unzeit.

Tage hat sie gebraucht, um überhaupt dieNummer zu wählen, beim ersten Versuch dann was von verwählt genuschelt und rasch aufgelegt.

Nun aber ist sie unterwegs zu Frau Fabian, die große Einkaufstasche prall gefüllt mit Neles Sachen, samtene Strampler, naturfarbene Wollhemdchen, geringelte Bodys, der kleine Pulli mit Weihnachtsmotiv, gekauft für ein Fest, das es nie gab. Wegwerfen wäre unverzeilich, die Tasche ewig stehen lassen eigentlich auch, denn sie muss ja weiterleben. Muss. Irgendwie uneingestanden will sie es sogar, ist doch noch keine dreißig und kann nicht Jahrzehnte verbringen mit einer Tasche voll Samtstramplern, Wollhemdchen und einem winzigen Weihnachtpulli.


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Gedankenrieseln zwischen den Jahren

Die Quarantäne ist auch für das letzte Nestmitglied vorbei. Nun sind Weihnachtsferien. Der Erzählvogel sitzt geduldig neben einem Winterkormoran hoch in der Birke und passt auf, dass die Frau Fundevogel nicht in die Versuchung kommt ihre unsterbliche Seele an wen auch immer zu verkaufen, bloß für ein paar Stunden mit sich allein.

Um meine Regentonnen habe ich gebangt in den Tagen, in denen der Garten unerreichbar war, aber sie scheinen dem Frost getrotzt zu haben. Nun da es taut, kippen der Kleine Fundevogel und ich gewaltige Eisblöcke auf die Wiese und er jubelt während er sie zerhackt, zersägt, zerbohrt. Entfesselt, befreit und läuft am nächsten Tag doch wieder weg, ohne Jacke, aber zum Glück schnell wieder eingesammelt.

Dann ernten wir unseren Grünkohl.

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24.12. – Nacht der Wunder | Adventüden

Und dieses ist nun das letzte Türchen des Etüdenadventskalenders und ich durfte es gemeinsam mit einem hilfreichen Elch befüllen.
Christiane und allen Mitschreibenden und Lesenden danke ich für dieses bezaubernde Spiel, auf das ich mich jeden Morgen gefreut habe wie ein kleines Kind.
Ihnen und euch allen ein wunderbares Weihnachtsfest.

Irgendwas ist immer

Sturmwolkenblau«, sagt Søren, der Elch, zu Ziegenbart, dem begnadeten Kutscher des Fliegenden Rentierschlittens. »Schneien wird’s kaum.«

»Bestenfalls Schneeregen zur Bescherung.«

Ziegenbart schaudert.

»Ach nee, was hat Rumpelquietsch nun wieder angestellt?«

Eine Polarkoboldin wankt um den Rentierstall, macht »Grpph!«, und stürzt Søren schlafend vor die Hufe.

»Wehe, das war das Marzipan, und dass sie mir nicht wieder den ganzen Glitzer vom Geschenkpapier gegnibbelt hat.«

»Nee, die riecht nach diesem widerlichen Eistee, den der Weihnachtsmann jüngst angeschleppt hat.«

»Und sechsundvierzig Packungen Aachener Printen! Irgendwann platzt sie!«

»Dafür kommt sie heute nicht mit.«

»Strafe muss sein«, bestätigt der Elch, ein Prinzip, über das er sich stets ohne großes Kopfzerbrechen hinwegsetzt.

Gleich beginnt sie, die schönste Nacht, die, in der die Weihnachtsgeschichten geschrieben werden und der Menschen Sehnsucht über Kuchenbleche weht. In der Nacht des 23. Dezember können die Rentiere endlich wieder fliegen. Für gewöhnlich trainiert Ziegenbart dann die Jungtiere und schaut von oben…

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Vorzeitig

Zeit für Weihnachtsgeschichten

„Und? Was hat er gesagt?“, flüstert Søren, der Elch.

„Er ist dagegen, habe ich euch doch gleich gesagt. Wenn wir erst mit solchen Vorzeitigkeiten anfangen, sagt er, werden die Menschen noch anspruchsvoller und dann zieht es sich bald übers ganze Jahr. Außerdem könnten sich die Eltern dank dieses neumodischen Onlinebestellgedöns auch selbst drum kümmern“.

„Wenn wir es machen, ist es was anderes.“

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Advent hinter Glas

Nun hat das Virus, das sie in der Schule des Kleinen Fundevogels mit so freigiebig ausgeteilt haben, sich doch in die Leiber der anderen Nestbewohner geschlichen. Hätten wir die leuchtend roten PCR-Befunde nicht, würden wir uns für leicht erkältet halten, schniefen so ein bisschen herum und haben schlechte Laune unterschiedlichen Schweregrades. Haben wir uns doch eine Quarantänekette exakt vom ersten Adventswochenende bis zum zweiten Weihnachtstag eingehandelt.

Da bekommen die Päckchen am Adventskalender eine ganz neue Bedeutung, Türchen für Türchen der langen Wanderung durch das Dezembergrau entgegen, meine Hühner Mehlwürmer aus den Händen picken fühlen, nach den Bienen schauen, nach Cardámines Garten. Und natürlich Heilgabend Spätschicht arbeiten. Ja, ich kann es kaum erwarten.

Wann wurde sie mir das letzte Mal lang die Zeit im Advent? Shoppen und Schulweihnachtsfeiern schwänzen macht zwar Spaß, aber nicht um den Preis des Draußenseins.

So gut genutzt worden ist unser Nest noch nie, der Kleine Fundevogel hat duch Monopoly in Dauerschleife besser rechnen gelernt als in der Schule, kennt alle 36 Vögel des Memorys mit Namen und Kopfstand können wir beide bald.

Und als erstes lese ich morgens den ABC-Etüdenadventskalender (da kommt auch noch ein Türchen aus diesem Hause zu …) und später am Tag schauen wir Frau Stachelbeermonds Engelchen beim Geschenkeauswickeln zu.

Der Erzählvogel ist heiser, krächzt bloß in Fragmenten, aber da Vögel kein Corona bekommen können und wir hier neben den Coronaregeln strengste Vorsichtsmaßnahmen zur Abwehr der ebenfalls grassierenden Geflügelpest einhalten, hat vermutlich auch er in erster Linie schlechte Laune.

Die Fee liegt wohl behütet an einem geheimen Ort im Winterschlaf.

Ob man die Coronazustände in diesem Nest als Reklame für (wie versprochen zumindestbis dato asymptomatische bis leichte Verläufe) oder wider das Impfen (ist doch bekannt, die Impfung ist unwirksam) liest, hängt wahrscheinlich von der jeweiligen im Laufe dieses Jahres erworbenen und fest einbetonierten Meinung ab.

Einstellungen, die einander anfunkeln wie katholisch und protestantisch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wie Lebensschützer gegen jene, die das Recht auf Abtreibung verteidigen, in ganz großen Glücksfällen wie die Fans von HSV und FC St.Pauli hier in der Hansestadt.

Der Austausch von Argumenten enthält kein Interesse an der Sicht des Gegenübers, sondern ist ein hoffnungsloser Versuch es zu bekehren, und weil der Bekehrten wenig sind, fallen da wie dort Begriffe wie irre, faschistoid, Gehirn abgegeben, unbelehrbar, asozial.

Verwirrt betrachtet die Frau Fundevogel das wuchernde Schisma um sie herum, sieht Freundschaften auseinandergehen, treu Lesende Blogs entfolgen, Menschen einander die Denkfähigkeit absprechen. Vernimmt den Ruf nach einem starken Staat, vernimmt den Ruf nach Aufruhr und Widerstand. Hört es Raunen von Verschwörungen, Umsturz und dem Ende der Demokratie.

Die Rede ist noch immer von einer Viruserkrankung.

Was wird kommen, wenn die wirklichen Einschränkungen in einer ihrer Ressourcen geplünderten Welt kommen werden, kommen werden müssen, weil es auch hier aus Vernunft und freiem Willen nicht klappt?

Dann gnade uns Gott bin ich versucht zu schreiben. Leider nur glaube ich selbst im Advent nicht an ihn, sondern gehe davon aus, dass wir Menschen auf diesem Planeten der so eindam durch das Weltall kreist, die Lösungen schon selbst entwickeln müssen.

Natürlich habe auch ich Meinungen zu alledem. Die Impfspritze kam nicht nachts heimlich zu mir ins Bett gehoppelt, der bin ich schon nachgerannt.

Und in vielen anderen Bereichen bin ich auch von dem ein oder anderem überzeugt.

Aber deswegen muss ich Andersdenkenden weder ihre Menschlichkeit noch ihre Denkfähigkeit absprechen, nicht mal die guten Absichten.

Gute Vorsätze , die ich hoffentlich spätestens morgen anwenden kann. Der Kleine Fundevogel hätte nach geltenden Coronaregeln seit heute wieder zur Schule gehen dürfen, ist er aber nicht. Erstens weil ich nicht weiß, wie er allein zum Schulbus kommen sollte, ohne den berühmten Verschwindetrick anzuwenden. Zweitens weil das Lehrerteam noch coronakrank daniederliegt und es ein Vertretungskonstrukt gibt, bei dem ich gar zu viel Raum für den Verschwindetrick ausmache und drittens weil ich gerne Klarheit über die Geschehnisse vor dem Coronaausbruch in der Klasse erhalten würde, ob es wirklich schon wochenlang Kinder mit positiven Tests an der Schule gab, weil ich mit der Schulleitung gern gemeinsam aussieben würde, was Gerücht ist und was wahr und weil ich mir vor allem für die Zukunft Transparenz wünsche, nicht nur in Bezug auf Corona

Transparenz kannst du in Waldorfschulen vergessen, sagt eine andere waldorferfahrene Mutter heiter, es scheint sie nicht zu stören.

Worte, die einen durchzucken wie ein auf Kälte reagierender Zahn. Wütend war ich so wütend vor zwei Wochen mit diesem positiven Test in der Hand.

Nie wieder schicke ich mein Kind zu diesen, zu diesen …

Nein, das Zitat lassen wir lieber weg. Und eine kleine Stimme in meinem Kopf erinnert mich, warum das Kind eigentlich auf diese Schule geht. Weil es die einzige war,die ihn gerne nehmen wollte, die bereit ist ihm realistische Bildungschancen zu bieten, weil er sich auf Anhieb dort wohl gefühlt hat, weil er noch immer gern hingeht.

Dafür bin ich über meinen erheblichen Waldorfschatten gesprungen und jetzt nehme ich noch mal Anlauf und hoffe auf ein gutes Gespräch zwischen zwei Schatten.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt, die Daten speichert, verarbeitet und an den Spamerkennungsdienst Akismet sendet. Ich selbst nutze die erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

Coronunlogisches

Am Donnerstag nun rief mich die Mutter eines Fundevogelmitschülers an, ihr Kind hätte Corona. Drei Mal durchatmen, der Kleine Fundevogel sieht ja ganz lebendig aus und so erstaunlich ist das in diesem Advent nicht, zumal die Schule die Maskenpflich recht großzügig auslegt. Erstaunlicher ist zu hören, dass morgens schon ein Kind der Klasse einen positiven Schnelltest hatte und von der Schule auf keinem meiner derzeit drei Telefone die geringste Nachricht zu finden ist.

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Die Lügnerin (ABC-Etüde)

Packen. Heute ist die Schlafzimmerkommode dran. Wie konnte sich das alles nur ansammeln haben, fragt Isabelle sich erschöpft, alles Zeugs, das sie an irgendetwas erinnert, Zeit verschlingt, Zeit, in der die Ankunft des Umzugslasters unerbittlich näher rückt. Poesiealbum? Behalten. Aber um Himmelswillen nicht hinein schauen. Schulzeugnisse dito,.Verstaubte Osterküken. Durchatmen. Blauer Sack. Läuft richtig gut heute. Noch eine Muschel? Bitte in die Tüte für den zukünftigen Garten.

Keine Muschel, ein Perlmuttdöschen, kleiner als zwei Brühwürfel, achteckig mit silbernen Rändern, zierlich gearbeitet wie alles aus Frau van Santens Haushalt.

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Vom Bereuen und vom Nicht-Bereuen

Ich bereue manches in meinem Leben.

Manchmal nur eine Nacht lang den Kaffee und die Schokolade zur späten Stunde, die dann meinen Schlaf rauben.

Ich bereue ziemlich bei der Wahl des Verlags für mein Buch vor lauter Geschmeicheltsein unkritisch geworden zu sein.

Immer wieder reut mich viel zu leichtfertigen Konsum von Dingen, die ich diesem belasteten Planeten ersparen könnte.

Tiefer bereue ich Dinge, die ich unbedacht getan oder gesagt habe und noch viel, viel mehr dringende Worte, die ich zur rechten Zeit nicht gesagt habe, weil mir der Mut fehlte oder häufiger noch, ich so von den Geschehnissen um mich herum so überrollt wurde, dass mir erst viel zu spät klar wurde, was mir oder jemandem neben mir hier gerade angetan wird, wenn ein Kreis aufgeregter Menschen sich auf eine oder einen einschießt, wenn unterschwellige Beleidigungen fallen, Menschen klein und unfähig geredet werden, Rassismus durchschimmert oder sehr viel häufiger noch Ableismus (ein Wort, das viele nicht einmal kennen – es bedeutet die dem Rassismus vergleichbare Abwertung von Behinderten).

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