Beim Namen nennen

Ein junger Mann, zuhause auf der anderen Seite der Erde, möchte gerne ein Jahr als AuPair mit uns verbringen. Auch drastische Schilderungen des Lebens im Nest halten ihn nicht davon ab Zeit mit dem Kleinen Fundevogel verbringen zu wollen

Nur das Visum fehlt ihm noch. Ein Visum für AuPair ist keine dramatische Angelegenheit, es gilt ein paar klar definierte Kriterien zu erfüllen und dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Nur ist es ihm über Monate nicht gelungen, überhaupt einen Termin zur Visumsbeantragung in der Deutschen Botschaft zu bekommen.

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Ein Erbstück (ABC-Etüde)

Zur Übergabe hatte er sich mit Britta in Lübeck getroffen, er hatte vorgehabt seine Schwägerin auf einen Kaffee einzuladen, aber sie hatte ihm mit schmalstmöglichen Dank den Behälter in die Hand gedrückt und sich verabschiedet.

Im Zug hatte es gelegentlich unter dem Tuch auf dem Plastikboden des Behälters geklackert., sonst war er still.

Am heimatlichen Bahnhof angekommen schnürte er den Behälter sorgfältig auf dem Gepäckträger fest . Vorsichtshalber schob er. Kurz hinter dem Yachtclub nahm er das Tuch ab, alles war vollgekackt und der Vogel fing munter an zu kreischen, das hatte Britta nicht mehr ertragen.

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Sommerboten

Ja, ja, erst die ganze Zeit meckern und dann selber kaufen. Den Großen Fundevogel kann ich mit meinem jüngst gekauften Neun-Euro-Ticket nicht beeindrucken.

Es stimmt, ich kannn diesem Brot-und-Spiele-Schnäppchen nicht viel abgewinnen.

Sinnvoll wäre es den Preis für alle, die von Grundsicherung und vergleichbaren Summen leben müssen, für immer drastisch zu reduzieren. Das wäre ein wirklicher, ehrlicher Schritt zur gesellschaftlichen Teilhabe aller. Wer dagegen ausreichend hat, kann für eine erbrachte Leistung auch angemessen zahlen, finde ich, ja auch ich, die in den Medien derzeit viel beühte alleinerziehende Krankenschwester kann das. Womit ich ganz bestimmt nichts gegen vernünftige staatliche Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr oder angemessene Bezahlung für Pflegekräfte gesagt haben will.

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Das Päckchen (ABC-Extra-Etüde)

Jonte schreit und tritt nach mir als ginge es um sein Leben, dabei versuche ich nur ihn im Buggy festzuschnallen. Frau Schultze öffnet die Wohnungstür, schweigend soweit ich das bei dem Lärm beurteilen kann. Ihr Hass brandet gegen meinen Leib.

Ich hätte früher selbst nicht geglaubt, dass ein Kind so schreien kann.

Sind Se‘ nich, odda?, brüllt man von hinten in mein Ohr und rammt mir etwas fast ins Gesicht, Instinktiv ducke ich mich.

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Von Abschieden und dem, was bleibt

Die meisten von Ihnen wissen, dass Steffi, die sehr lange und intensiv ihren Blog Mijonis Welt geschrieben hat, Anfang des Monats an ihrer schweren Krankheit gestorben ist.

Ich habe ihren Blog mit Anteilnahme gelesen und sie meinen auch, ihr verdanke ich hilfreiche Gedanken und Erfahrungen zu der Entscheidung den Kleinen Fundevogel medikamentös behandeln zu lassen.

Ihre älteste Tochter erwägt den Blog weiterzuführen. wie immer sie sich in dieser Sache entscheidet, ich finde es einen anrührenden Gedanken.

Auch Astrid, eine liebe Bekannte aus dem wirklichen Leben, verbringt ihre letzten Tage auf Erden. Mit bewundernswerter Klarheit ordnet sie ihre letzten Dinge.

Ihr großer Wunsch ist, dass ihre bemerkenswerten Texte nicht verlorengehen, welcher oder welche Schreibende könnte das nicht verstehen. Sie hat deshalb auf einer Website zusammengestellt, die der Förderkreis Rettet die Elbe betreuen wird.

Wer sich für Umweltschutz, norddeutsche Geschichte und regionale Ernährung interessiert und vielleicht sogar gern ab und an Platt lesen mag ist, bei Astrid Matthiae auf jeden Fall richtig.

Schauen sie einfach mal rein.

Nachtrag: Astrid ist am 14. Juni 2022 im Hamburg Hospiz Leuchtfreuer gestorben.

Schlaflos (ABC-Etüde)

Mein einst süßer Schlaf hat sich davongemacht wie ein Liebhaber, der eine Jüngere gefunden hat.

Mama ist mondsüchtig, witzeln die Mädchen, wenn sie mich bei ihren habschlafenden Toilettengängen am Fenster stehen sehen. Ich wäre zufrieden, läg ich nur in Vollmondmächten eingesponnen da, mit klopfendem Herzen, preisgegeben dem Schwinden der Tiere. Tagsüber suchen meine Augen nach Faltern und Vögeln, vielleicht wird der flüchtig übers Firmament huschende Mauersegler nicht bleiben können.

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Zlata und Matilda (ABC-Etüde)

Die Magnolie blüht, die Tulpen auch. Zlata schiebt ihr Püppi im Puppenwagen von Matildas Tochter herum, jahrelang hatte der ungenutzt auf Enkel wartend auf dem Boden gestanden. Die Kleine geht jetzt in die Kita und versteht jeden Tag mehr, so lang dauert dieser verdammte Krieg nun schon.

War das mit dem Deutsch bei Frau Rahloff und ihr damals auch so flott gegangen? Sie weiß es nicht mehr.

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26.April 1986

Gedenkstein am Zaun des Atomkraftweks Brokdorf (am Netz von 1986-2021)

Gedenken wie in jedem Jahr an alle Menschen und Landschaften, die durch den schwersten Atomunfall der Geschichte getötet wurden oder bis heute verwundet sind.

Gedenken an die „Liquidatoren von Tschernobyl“, jene Männer, die vor 36 Jahren das brennende AKW aus der Luft löschten, es eiligst irgendwie unter Sand und Beton verbuddelten, ihre Gesundheit opferten, manche freiwillig, viele gezwungen,die meisten kaum informiert und ganz Europa vor noch Schlimmeren bewahrten.

Ich möchte, dass sie niemals vergessen werden.

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Osternacht (sehr späte ABC-Etüde)

Mit ratlosem Wohlwollen akzeptierten ihre Eltern, dass ihre Tochter dieses Ostern in den Armen der Kirche und mit Jadwiga verbringen würde.

Kaum hatten sie ein paar Stunden nach der durchgemachten Gründonnerstagsnacht geschlafen, rannten sie in den Gottesdienst zur Sterbestunde Jesu. Am Karsamstag, an dem die Gläubigen doch in andächtiger Stille verharren sollten, waren die Jugendlichen aufgerufen, die Kirche zu schmücken mit dem Grün der jungen Birken, mit Osterglocken, Tulpen und vor allem Buchsbaum, den sie an diesem Tag eimerweise im Kirchgarten schnitt, weil Jadwiga ständig mehr davon verlangte.

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Gründonnerstag (ABC-Etüde)

Machst du mit bei der Gründonnerstagsnacht?, fragte Jadwiga sie und sie wusste gar nichts darauf zu antworten.

Gründonnerstag, das Wort hatte sie immer geliebt, grün wie die ersten Birkenblätter, violett wie Lerchensporn, hatte gehört, dass es bei manchen Leuten da Spinat zu Mittag gab.

Aber was war mit der Nacht?

Der Abend war apriliger wie er nicht hätte sein können, ein sanfter Regen fiel und um die kleine katholische Kirche am Stadtrand herum lugten Buschwindröschen und Scharbockskraut unter blühenden Felsenbirnen hervor.

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