Das Lachen (ABC-Etüde)

Der Sylvesterqualm ist verflogen, die Weihnachtskugeln werden wieder in Seidenpapier  eingeschlagen – unser Weihnachtsbaum steht allerdings noch – und auch der schöne Etüdenadventskalender ist Geschichte.

Christiane spendet zu Beginn des Etüdenjahres selbst die drei Wörter

Skiurlaub

kommandieren

mickrig,

aus denen mit höchtens 297 weiteren Wörtern ein Text beliebigen Genres gewebt werden soll.

Die Illustration stellt sie neben allen anderem Service auch bereit. Vielen Dank.

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An Tag des Tränenausbruchs trug Mina noch Zahnspange und träumte davon irgendwann mit Sylke einen Reiterhof am Meer zu bewirtschaften. An diesem Tag lagen  an dem Strand, über den sie einst auf Islandpferden in den Sonnenuntergang galoppieren wollten, schwarze klebrige Ölklumpen. Nicht mal Zeugen einer Schiffskatastrophe, sondern der alltägliche Auswurf einer am Menschen krankenden See.

Schneller als sie begriff übernahmen Bilder krepierender Vögel und Seehunde ihr Gehirn. Eiserne Bänder legten sich ihren Bruskorb, zum ersten Mal war sie der Angst in einer sterbenden Welt zu leben komplett ausgeliefert.

Sylke fand sie aufgelöst auf den Stufen. Was hast du?, arglos und schutzbedürftig erzählte Mina.

Deswegen heulst du?, Sylkes Lachen gluckste, hüpfte, fand kein Ende. Zieht Wathosen und Gummistiefel an, warnte sie übermütig die anderen Mädchen. Keine nahm Mina in Schutz, keine hätte freiwillig Sylke, die nicht kommandieren musste, um Herrscherin zu sein, die Flanke dargeboten.

Elend schlich Mina abends am Strand entlang und zweifach vergiftet spülte das Meer um ihre Füße.

Trotzdem verloren sie einander erst aus den Augen, als Mina ein Freiwilliges Ökologisches Jahr am Meer absolvierte und Sylke eine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Assistentin begann.

Mina vergaß die Islandpferde und leichtsinnigerweise auch den Satz mit der Wathose, nur die Gewissheit im Grunde recht mickrig zu sein, die blieb.

Jahre später gab es wieder einen, der nicht kommandieren musste, um im Mittelpunkt zu stehen. Schön war er, wortgewandt, begabt, angehimmelt und interessierte sich trotzdem für sie. Zumindest für einen Teil von ihr, ihre Liebe zum Meer fand er süß, die Bänder um ihren Brustkorb irgendwie auch.

Lass uns in den Skiurlaub fahren, schlug er gut gelaunt vor. Vielleicht hätte sie sagen sollen, nee, Sport ist Mord, stattdessen sprach sie von Schneekanonen und gemordeten Landschaften.

Das Lachen erkannte sie sofort.

Ein paar Wochen nach der Trennung dachte sie an Sylke. Dankbar geradezu.

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Neujahrsmorgen

Apfelsinensonne
rollt durch 
Himmelsgrau 

wer hören kann, 
vernimmt
das Januarblau 

Rotkehlchen 
pickt zwischen 
Böllerresten 

bettverkrümmt
erholen Nachbarn sich 
von Festen 

voll Umsicht
Fuß und Wort 
gesetzt 

das neue Jahr
ist doch noch
unverletzt 

Allen, die auf ihrem lesenden Neujahrsspaziergang am Nest  vorbeikommen, winke ich fröhlich zu, wünsche Euch und Ihnen Begegnungen voller Umsicht, möglichst viele muntere Rotkehlchen am Wegesrand und dass uns allen die Wörter niemals ausgehen werden.

Alle Schreibenden und Lesenden in der Umgebung des Fundevogelnests bereichern mein Leben so ungemein, geben selbst den Tagen Glanz, an deren Ende ich mich am liebsten jammernd verkriechen möchte.
Zeit für einen Dank aus tiefstem Herzen.

Eure und Ihre Frau Fundevogel

Die Mechanikerin des Weihnachtsmanns

Weihnachtszeit- Geschichtenzeit.

Nach einer eher bedrückenden Adventsetüde, nun etwas Heiteres. Und Längeres, ohne 300 Wörter-Grenze rennen meine Geschichten meist munter drauflos, aber vielleicht hat ja die Eine oder der Andere Lust sich einen Tee zu kochen, ein paar Plätzchen bereit zu legen und die Mechanikerin des Weihnachtsmanns kennenzulernen.

Soviel sei verraten: Rumpelquietsch, der es letzes Jahr gelungen ist hier einige Herzen zu erobern, ist auch wieder dabei.

Und diejenige unter Ihnen, die am Heiligabend in meiner Stube sitzen wird, bitte ich sich den Spaß nicht zu verderben und jetzt einfach etwas anderes zu lesen. Weiterlesen

Vorweihnachtsgeist

Die Hamburger Hochbahn wünscht ihren Fahrgästen filmreife Weihnachten.

Was soll das denn sein?

Brennender Tannenbaum? Spektakuläre Schlägerei um das letze Stück Stollen? Verhaftung des Weihnachtsmanns durch ein Sondereinsatzkommando während der laufenden Bescherung? Danke, ich verzichte und wünsche mir ein Fest, bei dessen Verfilmung das Publikum nach zehn Minuten vor Langeweile das Kino verlässt.

Ich schiebe es ein bisschen auf die wundersame Wirkung des Adventüdenkalenders, jedenfalls fühle ich mich dieses Mal Weihnachten gewachsen: Sonst erschien mir dieses Fest Jahr für Jahr wie eine Flut, in der es möglichst nicht unteruzugehen galt. Doch 2019 plansche ich recht vergnügt durch gewaltige Wassermassen und sehe mir erstaunt dabei zu. Weiterlesen

19.12.19

Die Mütze nachlässig in die Hecke gelegt, den Bienen beim Fliegen zugesehen, den Meisen beim Flirten, die Jacke zur Mütze geworfen.

Das Kind singt Leise rieselt der Schnee.

Der orangen Ringelblumenblüte erweist eine Hainschwebfliege Winterschwebfliege in der Luft stehende Ovation.

Eine Fliege inspiziert einen Lebkuchenrest.

Ich pflücke Salat.

Morgen In drei Tagen Wintersonnenwende steht im Kalender.


Nachtrag am 21.12: Zwei Fehler in so einem kurzen Text, das muss man erst mal schaffen.

Zur Wintersonnenwende siehe Christianes Kommentar, und dass es Winterschwebfliegen gibt, habe ich bis eben noch gar nicht gewusst. Vielen Dank, liebe Puzzleblume.

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Vorbereitet – mein Päckchenbeitrag

Vom Etüdenadventskalender bei Christiane habe ich hier schon hinreichend geschwärmt.

Heute nun war mein Päckchen an der Reihe ausgewickelt zu werden, ich warne, es enthält weder Zimtkakao noch Elisenlebkuchen.

Ganz weiß ich auch nicht mehr, warum ich im Hochsommer eine so düstere „Adventüde“ verfasste. Ein paar Mal spielte ich mit dem Gedanken Christiane um Rücksendung zu bitten und den Text gegen etwas Weihnachtliches wie es sich geziemt auszutauschen, ließ es dann aber doch. Weihnachten und ich führen seit jeher eine komplizierte Beziehung. Ich versuche jedes Jahr so lange es eben geht diese Tage, die mich mit ihrer Fülle und ihren Ansprüchen an die Grenzen bringen zu vergessen, eigentlich nur um dann erfahrungsgemäß völlig überrollt zu werden, zumal die alljährliche nestliche Weihnachtseskalation niemals ausfällt. Ein paar Tage Urlaub im Elbsandsteingebirge waren eine gute Auszeit, aber Weihnachten ist währenddessen natürlich nicht wundersam verschwunden, sondern hat mich mit zähnebleckendem Grinsen an der Wohnungstür erwartet.

Ach und am Ende wird es doch irgendwie Spaß gemacht haben.

Adventüden 2019 15 | 365tageasatzaday

Irgendwas ist immer

Zum Thema Inhaltshinweise/CN/Triggerwarnungen in den Adventüden bitte hier lesen.

Vorbereitet (Natalie, Fundevogelnest)

»Ich taufe dich auf den Namen Géraldine«, spricht Alma zu dem bebenden Tierchen in ihren Händen. Früher hatte sie ein Buch gehabt, Géraldine und die Mauseflöte. Diese Maus spielte auf ihrem Schwanz Flöte und vertrieb mit dieser Musik anderen Mäusen im Winter den Hunger. Insofern war es ein Buch, das vorbereiten konnte, mindestens so nützlich wie der Selbstversorgergarten, und obendrein wäre es ein Geschenk für Brüderchen zur Wintersonnenwende, weil sie doch kein Weihnachten mehr feierten. Aber so leicht ließ Vater sich von Alma nicht aufs Glatteis führen: »Löse dich von solchem Tand«, grollte er, »sonst wirst du nicht vorbereitet sein.«

Tags darauf wollte er ihr, Agnes und Hermann das Schießen beibringen. Heimlich musste das sein, natürlich: »In Amerika darf ein Mann seine Kinder noch beschützen, in diesem Scheißland jedoch …«
Vater war das Rattennest…

Ursprünglichen Post anzeigen 173 weitere Wörter

Scheppernde Collage (nachgereichte ABC-Etüde) und ein Adventskalenderrausch

Morgens aufwachen und mit bloßen Füßen durch die noch ungeheizte Wohnung tappen und das nächste Päckchen vom Kalender schneiden, ach nein, den Computer hochfahren, mit aufgeregt zappelnden Fingern das nächste Päckchen im Etüdenadventskalender öffnen und sich eine Geschichte auf der Zunge zergehen lassen mit der Süße von Zimtkakao oder der herben Bitternis des Lebens. Zuckerquietschebunt wird vielleicht noch kommen.

Man weiß es vorher nicht, aber jedes Päckchen bisher war ein Gewinn.

Im Leben hätte ich nicht gedacht, dass mich in diesem Leben ein Adventskalender noch einmal so elektrisieren könnte, ich stehe mit meiner morgendlichen Ungeduld kaum dem Kleinen Fundevogel nach. Wenn das mit dem unbemerkten morgendlichen Tappen über die Dielen auch noch gar nicht geklappt hat, doch gut angerichtete Buchstaben munden bekanntlich zu jeder Tageszeit.

Tun Sie sich den Gefallen und schauen Sie rein. Weiterlesen

Leben in Kilometer 16 (ABC-Etüde)

Lange rumorte die Wortspende von Red Skies Over Paradise

Unbehaustheit

schwermütig

haschen

in mir herum. „Unbehaust“ und „Schwermut“ hätten meinem Wortgefühl besser gemundet, indes so sind die Spielregeln nicht  – und „haschen“ machte mir letztlich das meiste Kopfzerbrechen.Die folgende Geschichte aus dem Gran Chaco de Paraguay ist (leider) kein bisschen fiktiv, sondern nur ein Beispiel dafür wie der weltweite große Hunger nach Land Menschen das Dach über dem Kopf und die Grundlage zum Leben raubt. Weiterlesen

Vom lieben (Pflege-)geld

Ja, die Gerüchte stimmen: Die Frau Fundvogel lässt sich fürs Mama-Sein bezahlen.

Da ich in Hamburg wohne und eine Erziehungsstelle anbiete, sogar recht gut (wer jetzt Zahlen braucht, konsultiere bitte seine Suchmaschine, die Summen sind nicht geheim). Wohnten wir dagegen z.B. in Ostholstein, wäre der monatliche Betrag auf dem Konto deutlich niedriger.

Jeder Landkreis in Deutschland legt selbst fest, was Pflegefamilien monatlich für ihre Leistung bekommen. Die Unterschiede sind beachtlich, um nicht zu sagen schlichterdings ungerecht und mit dem Mietgefälle zwischen Großstadt und Land nicht schlüssig zu erklären. Der Unterhalt für das Kind orientiert sich an der ortsüblichen Grundsicherung, hinzu kommen die Kosten der Erziehung und die wird von Ort zu Ort sehr unterschiedlich wertgeschätzt. Ob irgendwelche zusätzlichen Hilfen gewährt oder verweigert werden, ob ein Kind in einer – teureren – Erziehungsstelle oder einer „normalen“ Pflegefamilie untergebracht wird,  all‘ dieses scheint nach Gusto der jeweils Zuständigen entschieden zu werden und in gewissem Maße auch von der Hartnäckigkeit und dem Verhandlungsgeschick der Pflegefamilien abzuhängen. Transparente, gar öffentlich nachlesbare Kriterien vermag ich nicht zu finden. Steuerfrei ist das Ganze aber grundsätzlich. Ich bitte diese Zustände beim weiteren Lesen dieses Textes im Hinterkopf zu behalten, jedenfalls bevor Sie über irgendeine Pflegefamilie in der Nachbarschaft herfallen, die Frau Fundevogel, die hat aber gesagt… Weiterlesen