Die Faust (ABC-Extra-Etüde)

Der Juni war ein Monat mit einem Extrawochenende, das auch extra heiß war. Deshalb gibt es eine Extraetüde.

Bei diesem Extra sind 200 Wörter extra erlaubt, also 500 Wörter, die ich selbstredend komplett aufgebraucht habe. Fünf dieser Wörter mussten aus den Wörterspenden der  beiden vorherigen Etüdenrunden stammen. Sie finden sich in der Illustration und  wurden von Viola und Werner Kastens freundlicherweise spendiert.

Alle Etüden warten wie immer wohlbehütet bei Christiane  auf Publikum, von Christiane stammrt auch die Graphik.

Christiane, es ist immer wieder eine Freude!

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Eigentlich hatte Imke sich nach Taylers Auszug eine Pause gewünscht. In den vierzehn Monaten  war ihr das kleine Kerlchen fest ans Herz gewachsen, natürlich hatte sie immer gewusst, der Tag der Trennung würde unabwendbar auf sie zukommen, zudem hatte Tayler ihrem Gefühl nach mit seinen neuen, ebenso klugen wie liebevollen Eltern das große Los gezogen, doch wem halfen solche Einsichten, wenn einem einfach zum Heulen war?

Für ihr überstapaziertes Herz war es bestimmt nicht gut, doch hatte sie „ja“ gesagt, als das Jugendamt vorhin angerufen hatte. Eine neue Aufgabe, dachte sie, würde Tayler die Gelegenheit zu geben unbemerkt zu einer geliebten Erinnerung werden.

Es waren Geschwister, der Junge wenige Wochen alt, das Mädchen zweieinhalb Jahre. Nachbarn hatten wegen lautstarker Auseinandersetzungen die Polizei geholt. Beide Eltern waren stark alkoholisiert gewesen, die Frau hatte heftig geblutet und damit war für das Jugendamt das Maß der Abweichungen, das sie unter den Augen einer Familienhilfe seit der Geburt des Mädchens toleriert hatten, endlich überschritten.

Der Säugling schlief weiter, als Imke ihn aus der Babyschale hob, seine Flasche trank er hastig mit halbgeschlossenen Augen. Er wirkte schmächtig, aber nicht unterernährt. Lediglich beim Wickeln weinte er auf, kein Wunder, war die Haut unter den Windeln doch offen, nässte und blutete. Dick eingecremt schlief er bald wieder ein. Schlafen war die Überlebensstrategie der Kleinsten, das hatte Imke mittlerweile gelernt, ich sehe nichts, ich höre nichts, also erlebe ich auch nichts.

Das Mädchen war ebenso wund, blass und wirkte mit seinen tiefen Augenringen vollkommen übernächtigt. Die linke Hand hielt es zur Faust geballt, einhändig pickte sie im Essen herum und ließ sich den größten Teil füttern.

Später holte Imke ihr Zaubermittel hervor: Die große hölzerne Kugelbahn. Nach einer Weile glomm tatsächlich etwas wie Interesse in den trüb wirkenden Augen des Kindes auf. Seine Blicke folgten den bunten Kugeln, es lauschte ihrem leisen Rumpeln nach. Zögernd griff  es nach einer goldglitzernden Kugel und setzte sie unbeholfen auf die Schiene, mit rechts, die Linke ballte sich nur noch fester zusammen.

Abends versuchte Imke die klebrigen Fingerchen behutsam zu lösen und zu waschen. Es gelang nicht und sie begann an etwas Neurologisches zu denken.

Lange saß sie am Bett, während die Kleine nach ihrer Mami weinte und die Faust nur immer noch fester ballte.

Als sie endlich schlief, schaltete Imke den Fernseher ein, wollte doch wissen, wie es weiterging mit dem beschlagnahmten Rettungsschiff und seiner Kapitänin, die Bilder erreichten sie nicht, ihr Universum hatte sich verengt auf die Rettung einer kleinen Faust.

Am nächsten Morgen suchte sie ein altes Kästchen aus ihrer Mädchenzeit hervor, hölzern, mit schimmernden Muscheln beklebt, innen ausgeschlagen mit rotem Samt, dazu ein Messingverschluss. Mir scheint, dir fehlt ein Schatzkästchen, sagte sie und hielt der Kleinen das offene Kästchen hin. Sie wagte kaum zu atmen, als die Hand aufklappte wie eine Muschelschale und ein Playmobil-Froschkönig in den Samt fiel. Ehe Imke ihn gebührend bewundern konnte, wurde das Kästchen zugeschlagen und biltzschnell unter der Bettdecke versteckt.

Langsam streckten sich fünf Fingerchen, schmerzhaft noch, aber irgendwie schon befreit.


Das Fundevogelnest ist eine Dauerpflegestelle, die Kinder sollen hier bleiben bis zur „Verselbstständigung“. Optimalerweise wird so eine Beziehung umsichtig angebahnt.

„Imke“ macht Bereitschaftspflege, bei ihr landen in Obhut genommene Kinder von jetzt auf gleich.

Ich habe große Hochachtung vor Menschen wie ihr, die sich für ein eher symbolisches Gehalt mit viel Herzblut und Ideen auf Kinder einlassen, die sie oft genug wieder in eine ungewisse Zukunft entlassen müssen.

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11 Gedanken zu “Die Faust (ABC-Extra-Etüde)

  1. violaetcetera Juli 3, 2019 / 6:42 pm

    Zum Glück hatte Imke mit dem Schatzkästchen die richtige Idee. Es braucht ein großes Herz, um sich immer wieder auf diese Kinder voll und ganz einzulassen und sie dann wieder ziehen zu lassen.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juli 9, 2019 / 10:45 pm

      Ja und es ist so wunderbar, wenn Kinder in dieser schwierigen Lage nich in Heimen oder Kinderschutzhäusern auf die Klärung ihrer Lebenssituation warten müssen, sondern bei Menschen sein dürfen, die ganz intensiv und individuell auf die eingehen können.
      Leider dauer die Bereitschaftspflege oft viel zu lange, besondders wenn die Frage nach dem Aufenthaltsort des Kindes vor Gericht geht.
      Wenn Kleinkinder dann ein Jahr oder länger in einer Familie bleiben müssen, ist die Rückführung zu den Eltern oder der Wechsel in eine Dauerpflegestelle sehr hart für die Kinder.
      Aber wenn alle in erster Linie Recht haben wollen…
      Liebe Grüße
      Natalie

      Liken

  2. Christiane Juli 3, 2019 / 7:16 pm

    Ach Mensch, das lese ich und kriege Gänsehaut. Ich bewundere Menschen wie deine Imke.
    So ein Schatzkästchen hatte ich auch. Muscheln auf roter Pappe, ungefüttert, aber eindeutig für Schätze gemacht … damals.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Juli 9, 2019 / 10:35 pm

      Unseres war ehrlich gesagt innen nur mit rotem Filz beklebt, aber damals war das Samt…
      Einen schönen Abend wünscht
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  3. hummelweb Juli 3, 2019 / 7:35 pm

    Was für eine wunderbare, anrührende Geschichte!
    Und meine Hochachtung für diese Arbeit. Schöner Beitrag, der mich nachdenklich zurücklässt…

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juli 9, 2019 / 10:37 pm

      Ja, vor der Bereitschaftspflege, besonders wenn sie mit Herz gemacht wird, habe ich auch viel Respekt.
      Mein großes Kind hat bis heute heute Kontakt zu der Familie, bei der sie vor 15 Jahren fünf Monate lebte.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  4. Werner Kastens Juli 4, 2019 / 10:56 pm

    Ich habe anfangs immer wieder Probleme, mich in diese Situationen hinein zu denken, weil das in meiner fast heilen Welt so nicht gegeben ist.
    Aber ich bin immer immer wieder dankbar, gerade auf diese Situationen hingewiesen zu werden, damit man erinnert wird, dass wir nicht nur zum Nehmen, sondern auch zum Geben aufgefordert sind.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juli 9, 2019 / 10:47 pm

      Nicht wenige Pflegefamilien erhalten Einblick in Welten, die in einem Maß zerstört sind, das sie sich nie vorstellen konnten

      Gefällt 1 Person

  5. Katharina Juli 8, 2019 / 2:33 pm

    Traurig, weil es Menschen wie die Eltern gibt, die nicht verstehen, was sie ihren Kindern antun. Und rührend, weil es auch so Menschen wie Imke gibt, die sich für andere aufopfert. Toll geschrieben.
    Grüße, Katharina

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juli 9, 2019 / 10:50 pm

      Das Verständnis für die leiblichen Eltern, ohne zu verurteilen, ihne zu entschuldigen, ist wohl eine der anspruchsvollsten Aufgaben der Pflegefamilien

      Gefällt 2 Personen

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