Für Ulli Gaus Alltags-Projekt: Aus dem Nestalltag (2)

Ulli Gaus Projekt Alltag macht mir große Freude, es ist so spannend und aufschlussreich zu lesen, wieviel verschiedene Ausprägungen Alltag haben kann.

Was der einen Alltag ist, ist dem anderen Exotik pur. Deshalb habe ich wieder eine Facette aus unserem Leben als Pflegefamilie ausgesucht, unser Leben mit den nicht geladenen Gästen.

Liebe Ulli, dir ganz herzlichen Dank für die Inspiration und das Sammeln der Texte.

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Sie hatten uns gewarnt: Als Pflegefamilie werden Sie ein Stück weit öffentlich, hieß es mehr als einmal im Vorbereitungsseminar für angehende Pflegefamilien. Wir nickten verständnisvoll, fanden es richtig, dass der Staat eine Auge auf die von ihm untergebrachten Kinder wirft. Mir war bei dieser Ansage schon ein bisschen mulmig zumute, gehöre ich doch zu den hausfraulichen Versagerinnen. Kochen kann ich ganz gut, Waschen klappt auch, aber von Staub, Spinnweben und frei umherschweifenden Dingen lasse ich mir schnell auf der Nase rumtanzen. Ich redete mir erfolgreich ein, ich würde diesen Makel schon irgendwie verbergen können.

Tatsächlich bekam ich nach mehreren Hausbesuchen eines Herren vom Pflegekinderdienst die Eignung als Pfegemutter zugesprochen. Er hatte meine Wohnung nicht besonders penibel unter die Lupe genommen, meine Motivation dafür um so kritischer hinterfragt.

Monate später zog der Große Fundevogel ein und mit ihm kamen weitere Besuche. Die Verteilung der Zuständigkeiten in der Jugendhilfe ist schwer zu durchschauen, kompletten Durchblick habe ich auch in fünfzehn Jahren nicht gewonnen. In meinem Buch Zwischenzeit tritt nach einiger Kritik von Probelesenden nur noch eine Jugendamtsmitarbeiterin auf, denn es sollte ja ein Roman werden und kein Wegweiser durch das Jugendamtslabyrinth.

Die Realität ist komplizierte: Eine zuständige Person gibt es beim Amt für Soziale Dienste (ASD) , dem „eigentlichen“ Jugendamt, welches den Eltern die Hilfe zur Erziehung gewährt, eine Hilfe, die eben darin gipfeln kann, dass das Kind nicht mehr bei ihnen leben darf. Und weil der ASD für die Eltern da sein soll, wechselt die Zuständigkeit jedes Mal, wenn die Eltern in einen anderen Bezirk umziehen. Es gibt in Hamburg sieben Bezirke, ich kenne die Jugendämter von sechsen. Für obdachlose Eltern gibt es eine Sonderstelle, die kenne ich auch. Eine weitere zuständige Person gibt es beim Pflegekinderdienst, der ist für die Pflegefamilie zuständig, der Pflegekinderdienst kann zum Jugendamt gehören oder wie in unserem Fall an eine externe Organisation ausgesourct sein. Und dann braucht ein minderjähriges Kind noch jemanden, der das Sorgerecht inne hat. Das können die leiblichen Eltern oder ein Amtsvormund sein.

Der Große Fundevogel hatte fünfzehn Jahre lang einen Vormund, vor zwei Wochen haben wir uns einen Tag vor dem 18. Geburtstag recht herzlich voneinander verabschieden dürfen. Beim Kleinen Fundevogel habe ich die Vormundschaft vor einiger Zeit selbst übernommen, auch das ist unter Umständen möglich und vereinfacht manches.

Lange Zeit aber waren fünf Personen hier verpflichtet Hausbesuche zu machen: Ein ASD-Zuständiger pro Kind, ein Vormund pro Kind, eine Mitarbeiterin vom Pflegekinderdienst für beide zusammen. Bei rechtlichen Problemen wird noch ein Verfahrenspfleger oder eine Verfahrenpflegerin eingesetzt, die das Kind auch ganz dringend in seinem persönlichen Umfeld kennenlernen müssen.

Manche sind ganz nett, aber sie sind zu viele, befand ein Kind hier schon vor Jahren. Warum eine Instanz der anderen nicht vertraut, bleibt ein Rätsel.

Ein Fundevogel bekommt auch noch recht viel Besuch von seiner leiblichen Familie, das ist etwas anderes, aber auch die haben ein Recht darauf und sind nicht unbedingt die Gäste, die ich einladen würde. Vom Jugendamt begleitete Besuchskontakte hatten wir auch ein paar Jahre lang.

Wer kommt?, fragte ein Kind, das gerade aus der Schule kam, eines Tages aufgescheucht, als es mich zwischen hochgestellten Möbeln mit dem Wischer herumfuhrwerken sah. Putze ich wirklich so selten, dass man gleich an das Jugendamt denkt, wenn ich mal ein Wischtuch in der Hand halte? Sie müssen nicht extra sauber machen, wird immer betont, wenn es vom Jugendamtsseite um das Thema geht, wir kommen nicht um zu schauen, ob bei Ihnen aufgeräumt ist.

Die Frage bleibt, was schauen sie dann? In die Kinderzimmer habe ich manche förmlich hineingezerrt. Dass inzwischen bei den Jugendzimmern die Türen geschlossen bleiben, ist vermutlich im Sinne aller Beteiligten.

2012 ist ein Hamburg eine Elfjährige gestorben, weil sie das nicht weggeschlossene Methadon ihrer ehemals drogenabhängigen Pflegeeltern eingenommen hatte. Auch nach dieser grausigen Geschichte interessierte sich nie ein Amtsbesuch dafür, wie bei uns eigentlich Medikamente aufbewahrt werden, es muss ja nicht gleich Methadon sein, für des TeufelsKüche reicht die normale Hausapotheke.

Über „Chantal“ und ihre bedrückenden Lebensumstände gab noch viel in der Presse zu lesen. Ob das nun immer alles der Wahrheit entsprach oder nicht, meine Zweifel an dem sehr personalaufwändigen Kontrollsystem wuchsen. Auch wenn seit Chantals Tod angehende Pflegeeltern einen Drogentest abgeben müssen und Hausbesuche der Vormünder nun monatlich stattfinden müssen, was bei der Arbeitsüberlastung der Ämter bei uns noch nicht einmal stattgefunden hat.

Doch, ich sage schon was, betonte die Frau vom Pflegekinderdienst, wenn Zigarettenschachteln offen rumliegen oder so. Und ich schau immer, ob das Bett bezogen ist.

Dann ist bei uns wohl alles in Ordnung.

Wir haben bei Hausbesuchen geredet, Spiele gespielt, sind auf dem Spielplatz gewesen, haben Kekse gegessen. Die Frau Vormund, die sich mit Hackenschuhen unbeholfen aufs Fußballspiel einließ, ist zur Legende geworden. Ich habe mir anerzogen keine Probleme vor den Kindern zu besprechen. Dafür gibt es das Hilfeplangespräch, dann sitzen alle beieinander ASD, Pflegekinderdienst, Vormund, Eltern, Betreuer der Eltern, Pflegeeltern, wenn sie alt genug ist auch die Hauptperson.

Da geht es zur Sachen um Schulanmeldungen, Besuchsregelungen, Vorstellung bei Ärzten, aber bei Bedarf auch um Schwänzen, Stehlen und was uns sonst noch so alles erspart blieb bisher.

Es gab mal ein Hilfeplangespräch, da sagte die damalige Frau Vormund, so ganz nebenbei beim Zusammenpacken ihrer Akten über kurz oder lang werden wir sie dann wohl in einer Wohngruppe unterbringen.Das war der Moment, in dem mir klar wurde, wie viel zu viel Macht diese meist ganz netten Menschen über unser Leben haben. Nach drei Tagen Panikphantasien suchte ich das Gespräch mit ihr, ach das war doch nur so ein Gedanke, es ist doch auch entlastend  für Sie zu wissen, dass Sie nicht alles aushalten müssen, außerdem machen Sie das doch alles ganz prima.

Diese Dame ist längst Geschichte, das Kind ist gut zehn Jahre später volljährig und immer noch hier.

Am allerhilfreichsten, ja manchmal rettend, waren für mich oft die persönlichen Gespräche mit den Fachleuten, am Telefon, per Mail oder das informelle Gespräch im Treppenhaus nach der Helferkonferenz.

Und was macht der ganze Aufwand mit denen, die sich im Gegensatz zu mir nicht freiwillig entschieden haben in einer Pflegefamilie zu leben?

Solange sie klein waren, schienen die amtlichen Gäste einfach Gäste unter vielen zu sein, Gäste, die oft sehr zugewandt, also ganz unterhaltsam waren.

Aber bald dämmert die Erkenntnis, die haben irgendwie Macht über unser Leben, eine schwer definierbare Macht … es sind Leute, die vieles über mich wissen, was geht die das an, woher wissen die das? Ist meine Pflegemutter eine Verräterin?

Und peinlich ist die ganze Angelegenheit. Niemand sonst in der Klasse hat nachmittags keine Zeit, weil jemand vom Jugendamt kommt. Da nimmt man sich auch schon mal die Freiheit nicht nach Hause zu kommen. Soll die Pflegemutter doch zusehen, wie sich aus der Affäre zieht …

Und die Zeugnisdramen! Die Kopien der Zeugnisse gibt es zwei Tage vor den Ferien, am letzten Schultag soll das von den Sorgeberechtigten unterschrieben Exemplar gegen das Original eingetauscht werden. Dass das bei uns nicht so einfach ist, hatte bis zum nächsten Halbjahr wirklich jeder Lehrer, jede Lehrerin, mit denen wir je zu tun hatten wieder vergessen. Ein Zeugnis ist ganz und gar im Postweg des Jugendamts verschwunden.

Die letzte Frau Vormund war pragmatisch: Unterschreiben sie das Ding einfach selbst. Und: Liebes Kind, ich bin gesetzlich verpflichtet, dich regelmäßig zu sehen. Fünf Minuten redest du mit mir, über was ist egal.

Ohne ihren Einsatz hätten wir den so dringend gewünschten Schulwechsel nicht über die Bühne bekommen. Das Auftreten einer Dipl. soz.päd vom Amt kann ungeahnte Türen öffnen.

Trotzdem waren wir froh als sie letzten Monat aus unserem Leben verschwand. Auch froh, dass wir erstmal um eine Gesetzliche Betreuung herumgekommen sind, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich finde auch fünfzehn Jahre nach dem ersten Seminar die Besuche durch das Jugendamt noch sinnvoll, zu viele Kinder haben, obwohl sie in seiner Obhut waren, erbärmlich gelitten, sind gar umgebracht worden. Trotzdem sind diese Kontrollen anstrengend für alle Beteiligten und nicht immer schön. Aber wir gehen ja auch regelmäßig zum Zahnarzt.

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7 Gedanken zu “Für Ulli Gaus Alltags-Projekt: Aus dem Nestalltag (2)

  1. Corinna März 3, 2019 / 3:18 pm

    Eine hochkomplizierte Angelegenheit und auch keine leichte Situation zwischen so vielen Stühlen zu sitzen. Nach immerhin mehr als 10 Jahren seid ihr aber noch dabei. Hut ab!

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest März 4, 2019 / 3:50 pm

      Immerhin hängt das Zusammenleben mit den Kindern daran – da macht man einiges mit.
      Gruß Natalie
      (Schöber, interessanter Blog übrigens!)

      Gefällt 1 Person

      • Corinna März 4, 2019 / 4:38 pm

        Ja, ich weiß. Wir waren auch 10 Jahre lang Pflegefamilie. Dann waren sie groß genug für ein eigenes Leben. Immerhin. Das „Einige“ wollten meine Eltern danach nicht mehr mitmachen. Naja, inzwischen sind sie ja auch im Großelternalter. Aber auch wegen dieser Erfahrung kann ich nur sagen, Hut ab vor denen, die es auf sich nehmen und auch noch gut machen. 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Ulli März 3, 2019 / 4:13 pm

    Ich danke dir von Herzen für eine Seite des Alltags, die mir fast gänzlich unbekannt ist, die ich nur vom Rande und theoretisch kenne, aber wie ich nun auch sehe, nicht wirklich. So viele Menschen kontrollieren, bestimmen mit, puh! Mir hat schon der EINE Besuch einer Dame vom Jugendamt gelangt, nachdem mein „unehelicher“ Sohn (1979 – ging ja gar nicht mit der wilden Ehe und so – lach) 4-6 Wochen auf der Welt war und unsere Partnerschaft zu einer Familie geworde war. Ich hatte wirklich Angst, sie könnte mir ihn wegnehmen, völlig unbegründet! Es ist wohl diese Macht, die man spürt und die du ja auch mehrmals benennst, die irrationale Gefühle hochspült, vielleicht noch gepaart mit Dokumentationen aus anderen Zeiten.
    Unverständlich ist mir schon auch, wieso bei so viel Personal so viel Leid und Elend noch immer möglich ist.

    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest März 4, 2019 / 4:09 pm

      Liebe Ulli,
      Ja, diesen beänstigenden Besuch hatte ich nach der Geburt meines leiblichen Sohnes 1995 auch. Ich war nicht in „wilder Ehe“, sondern wirklich allein.Die Regelung wurde ein paar Jahre später als unzeigemäß abgeschafft.
      Es hat Zeiten gegeben, da hätte man mir eher Kinder weggenommen als anvertraut.
      Und manchmal beschleicht es einen, was ist wenn „die Zeiten“, also die Machtverhältnisse sich wieder ändern.
      Ich bin mal mit einem AfD Wahlkämpfer auf dem Marktplatz auf das Thema „ausländische“ Kinder in Pflegefamilien gekommen, er wusste nicht um meine Familienverhältnisse, aber ich bin wahrlich froh, dass er nicht in die Bezirksversammlung gewählt wurde.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Alltag 6 |

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