Der Taschendrache (ABC-Etüde)

Die ersten Krokusse ringen ihr ein Lächeln ab, vorsichtig entfernt sie die Grasbüschel um die kleinen Stauden herum und genießt den frischen Erdduft, dabei hat sie so viel Wichtigeres zu tun.

Erst hält sie ihn für ein verlorenes Spielzeug, aber was für eines! Die geschuppte Haut wirkt absolut echt und seine Augen würden die herzloseste Ausmistaktivistin in die Knie zwingen.

Er passt genau in die Höhlung ihrer Hand.

Behutsam stellt sie auf den Gartentisch. Was ist das für ein Material? Seide? Und diese hauchdünnen Flügel!

Sie gießt Kaffee aus der Thermoskanne ein, schließt die klammen Finger um den Becher und wundert sich kaum, als der Minidrache seine transparenten Flügel entfaltet und anmutig vom Gartentisch zu Boden schwebt.

Ade du Schöner, sagt sie leise und versucht lautlos das Handy zu zücken, sonst glaubt ihr das keiner.

Statt davonzufliegen kommt er auf sie zu getrippelt, legt den Kopf schief, jede Disneyfigur würde neidisch werden. Sie löst die Hand vom Handy und lässt sie im Zeitlupentempo zu ihm herab. Zutraulich steigt er auf ihre Handfläche, unwillkürlich denkt sie an die kühlen Füßchen eines Froschs, den sie als Kind in den Händen hielt. Er schmiegt sich an die Kaffeetasse.

Kalt, Kleiner?

Er gurrt leise und schnüffelt an ihrem Schokoriegel. Ängstlich beobachtet sie ihn, nachdem er mit nadelfeinen Zähnchen abgebissen hat. Vertragen Drachen das? Sie zuckt zusammen, als plötzlich sein feuriger Atem ihre Hand trifft, er schaut verlegen und kriecht in ihre Tasche.

Und bleibt.

Bald lernt sie, dass er sich von Obst, Schokolade und Heißgetränken ernährt, dass Teelichter anzünden seine größte Freude ist und er einmal am Tag zum Blumentopf flattert und dort seine Ausscheidungen vergräbt. Der Hibiskus erblüht.

Sonst ist er anspruchslos und verbirgt sich vor anderen Augen in ihrer Tasche.

Auf allen Tagen liegt seither ein ganz eigener, nie erhoffter Glanz.

Einen Drachen habe ich nicht im Garten gefunden, aber ein Pfauenauge saß heute arglos vor mir auf dem Weg, den hatte ich noch nie als ersten Falter des Jahres, sonst sind es Zitronen- oder C-Falter. Auch ein besonderer Glanz nach vierundzwanzig Stunden unerfreulichen Nachrichten, womit ich nicht nur den gruseligen Wahnsinn in der Ukraine meine, sondern auch den in der Pflege, das tote Bienenvolk der geschätzten Mitimkerin und ein paar gar nicht an sich schlimme Neuigkeiten, die aber eine immense logistische Herausforderung sind. (Hat jemand Erfahrung mit Aupairmädchen oder auch -jungen? Dann gerne her damit.)

Auf jeden Fall haben mich die Wörter (Haut, schweben, feurig) die Gerda Kazakou, deren lebhafter, vielfältiger Blog immer einen Besuch wert ist, zur neuen Etüdenrunde gespendet hat, sofort an einen Drachen denken lassen. Warum er so winzig ist, weiß ich auch nicht. Aber ich hätte ihn wirklich gern gefunden, nun musste ich ihn erfinden.

Alles was sonst zu dieser Wortspende entstand, findet sich bei Christiane, die auch den schönen Elefantenblick gespendet hat.

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24 Gedanken zu “Der Taschendrache (ABC-Etüde)

  1. Christiane Februar 24, 2022 / 4:43 pm

    Volltreffer, jedenfalls bei mir. Diese Zärtlichkeit, die da mitschwingt, diese … Liebe, die kriecht aus jeder Zeile und macht mich zum Heulen glücklich. 😥😏🧡🌞
    Danke dir sehr.
    Nachmittagskaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Myriade Februar 24, 2022 / 5:36 pm

    Ach ist der entzückend! Hat er nicht ein paar Geschwister ? Ich hätte gerne ein nilgrünes Exemplar 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. kommunikatz Februar 24, 2022 / 6:46 pm

    Eine wunderschöne Geschichte! Danke, Du hast mir nach einem wahnsinnig stressigen, verzweifelten, hilflosen Tag ein Lächeln ins Gesicht gezaubert!

    Gefällt 1 Person

  4. Pega Mund Februar 25, 2022 / 9:08 am

    oh, wie schön!
    will versuchen, (mir) auch einen zu (er)finden … vielleicht in zartesten orange-rosa-violetttönen schimmernd …

    danke, natalie!

    Gefällt 2 Personen

  5. puzzleblume März 2, 2022 / 2:20 pm

    Wunderschön! Wäre es doch nur schon warm genug hier, um sich auch hier mit Heissgetränk und Schoki und Keksen als Lockmittel im Garten hinzusetzen und auf das Erscheinen solch eines niedlichen Taschendrachens zu warten!

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