Ewigkeitssonntag, Etüden, Ergebenheit

Totensonntag, Ewigkeitssonntag, das protestantische Pendant zu Allerseelen, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Ich glaube noch immer nicht an Gott, aber der Rhythmus des Kirchenjahres gibt Takt. Auf dem Frühstückstisch sollen wie jedes Jahr Kerzen brennen für die, die im Umkreis des Nestes gestorben sind, ob sie nun Menschen waren, Fell oder Federn trugen.

Überraschend hat der Große Fundevogel dieses Jahr beschlossen sich konfirmieren zu lassen. Vor der Konfirmation stehen 16 nachgewiesene Kirchenbesuche, mit denen es sich arg hinschleppt, denn der Große Fundevogel geht nicht ohne mich, ich wiederum kann nicht ohne den Kleinen, mit dem ich die Kirche nach spätestens zehn Minuten wieder verlassen muss und dazu habe ich in der Novemberkälte wenig Neigung.

Aber der sehr emotionale Gottesdienst mit dem Totengedenken am Ewigkeitssonntag, den sollte der Große Fundevogel erleben, finde ich, denn noch immer beschäftigt ihn der Tod eines Mädchens aus der Umgebung des Nests. Der Fundevogel äußert sich nicht, das bin ich gewöhnt. Ich suche einen Bus raus.

Am Sonntag verschlafen wir dann, der Große Fundevogel brüllt, dass er in „keine F**k-Kirche“ gehe. Nie und niemals. Kurz darauf liefern sich beide Fundevögel eine spektakuläre Prügelei in der Diele, von der noch die Nachbarn mit dem besten Schlaf etwas haben. Der Wortschatz meiner Kinder ist zum sich in Grund und Boden schämen, dem Erzählvogel fallen vor Grausen die Federn aus. Keine Zitate, meine Tastatur ist eine Dame mit Prinzipien.

Die Gedenkkerzen auf dem Frühstückstisch fürchten sich, weil der Kleine sie permanent auspustet. Wie immer fliegen irgendwelche Nahrungsmittel und einer wischt seine Marmeladenfinger ab an dem Pullover, mit dem ich in die Kirche wollte. Endlich an der frischen Luft gibt es die zweite spektakuläre Auseinandersetzung,  an der dürfen auch Passanten teilhaben. Sie kommentieren eifrig. Likes gibt es aber keine.

Die Hühner wühlen im Laub, die beiden, die wir aus einer kommerziellen Haltung übernommen haben und die eigentlich am ersten Juli planmäßig  „aus wirtschaftlichen Gründen“ geschlachtet werden sollten, haben jede ein Ei gelegt. Jeden Tag seit ihrer Ankunft tun sie das, als müssten sie etwas beweisen, während unsere alten Hühner schon seit Wochen eierlos vor sich hinmausern und unbekümmert ihr Luxusdasein führen. Gedächte man aller ausgemusterten Legehennen, ständen die Kerzen bis zum Horizont.

Gegen Mittag schläft der Kleine Fundevogel ein, der Große pflegt seinen Instagram-Account. Meine Ohren sinken erschöpft in sich zusammen. Und so entsteht doch noch ein Raum für die Toten.

Da sind die jüngst und die vor Jahren Gestorbenen, die Nahen und die Fernen, die mit dem guten Tod und die mit dem grauenhaften.

Und ich denke an die Schwestern Mirabal, an Patria, Minerva und María Teresa, die heute vor 58 Jahren in der Dominikanischen Republik entführt, gefoltert, vergewaltigt und ermordet wurden. Ein bestialischer Dreifachmord war es, der wie ein Autounfall aussehen sollte. Ein Mord, von der damals herrschenden Diktatur befohlen wurde, weil sie Regimekritikerinnen waren auf dem Weg zu einem Gefängnis, in dem ihre Männer einsaßen, die ebenfalls Gegner der Diktatur waren.

Denn heute ist auch der 25. November.

Im Gedenken an die Schwestern Mirabal ist dieser Tag zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen deklariert worden. Hört man Erklärungen zu diesem Gedenktag geht es meist um häusliche Gewalt. Die Vergewaltigung und sexualisierte Folter gegen politisch unbequeme Frauen kommt selten vor, auch nicht die Vergewaltigung als Kriegsverbrechen. Auf diesem Blog kommt das jetzt auch nicht vor, ich wollte darüber schreiben, aber ich hielt dem nicht stand, dem schon hielt ich nicht stand.

Die hochgeschätzte Bloggerin dergl rief  auf zu Texten zum 25. November, #schweigenbrechen, zum Schreiben gegen die Gewalt an Frauen, hier und nebenan und jenseits der Grenze. Einige aus dem Etüdenkreis haben  – nicht unbedingt im Etüdenformat – mitgemacht

Christiane von Irgendwas ist immer

Agnes Podczek

Frau Vro

(Eine vergessen?)

Meine eigenen Texte zerbröselten mir.

Gewalt gegen Frauen, sexuelle Gewalt, schwere Körperverletzung in Beziehungen, die sich Partnerschaften nennen — über ihre leiblichen Mütter sind die Fundvögel Opfer dieser Gewalt . Und dem halte ich gerade erst recht nicht stand. Wenn ein kleines Kind, das kaum spricht, an seinem eigenen Körper zeigt, wo die Mami „gehauen“ wurde und man begreift, was es beschreibt, weicht der Boden auf.

Zeuge der Gewalt an engen Bezugspersonen zu werden, kann ein Kind unter Umständen stärker traumatisieren als am eigenen Leib erfahrene Gewalt — ich habe so viel zu dem Thema gelesen und gehört, dass ich das Zitat nicht mehr verifizieren kann.

Und wenn eine Mutter ihr Kind nicht sehen will, weil es sie … an was … erinnert und wahrscheinlich auch schon die ganze Schwangerschaft erinnert hat, passt das alles nicht in 300 Worte, das passt mit Müh und Not in unser Leben.

Unser Leben, auf das mein Blick sich gerade wandelt. Nein, die Liebe geht mir auch nach der fünfzigsten spektakulären Prügelei nicht verloren, aber das Stehvermögen schwächelt, so wie in diesem überhitzten Sommer kann ich nicht mehr lange weitermachen.

Seit dem Frühling dachte ich jeden Morgen, morgen, morgen wird alles besser, morgen habe ich das hier alles wieder im Griff. Und wenn aus morgen heute geworden war, erneuerte der Satz sich wie von selbst und schmeckte nach Versagen.

Es wird morgen nicht besser sein, es wird morgen vielleicht anders sein, es muss aber auch gar nicht besser werden. Eine leise Stimme spricht laut im Kopf: Ergib Dich. Es ist dein Leben Frau Fundevogel, dein selbst gewähltes Leben. Schau es dir an. Es ist recht ungewöhnlich, aber hast du nicht immer das Ungewöhnliche geliebt? Gelebt ist es halt anstrengender als in der Phantasie…

Als die mütterliche Sozialarbeiterin in dem Büro, in dem noch die Sommerzeit galt,  nur den Kopf schüttelte über meine Zweifel Schwerbehindertenausweis und Pflegegrad für den Kleinen Fundevogel zu beantragen, alle Formulare rasch ausdruckte, Telefongespräche führte, die ich selbst hätte führen können, mit ich nur nicht wieder entfloh, hörte sich das an wie heb‘ deine Hände und ergib dich endlich.

Warum nur stelle ich mich dabei so an? Der Kleine Fundevogel war als potentiell behindertes Kind hier eingezogen, wegen der extremen Frühgeburt, wegen der vielen Komplikationen in den Monaten danach. Ich war darauf eingestellt, war innerlich auf ein körperlich und oder geistig behindertes Kind vorbereitet, der Kleine Fundevogel, beweglich und plietsch, hat mich kalt erwischt, mit diesem permanenten Gefühl zu versagen, ein Kind nicht begleiten zu können, ein Kind nicht erziehen zu können. Immer wieder lese ich auf meinen Blogspaziergängen von Begegnungen mit  Kindern, die sich aufführen wie … ja genau … wie der Kleine Fundevogel. Laut. Grenzverletzend. Alles anfassend. Diese unfähigen Eltern aber auch.

Und jetzt sage ich ja, das  Kind ist vielleicht wirklich nicht im klassischen Sinne erziehbar, es geht um Begleitung , um vorausschauendes Denken, Räume schaffen, kreative Umwege gehen, anders leben.

Beim Großen Fundevogel gab es einen ähnlichen Prozess. Richtiggehend böse wurde die Beste Freundin mit mir, warum darf es nicht wahr sein, dass du ein behindertes Kind hast? Was hast du bloß für ein Problem damit?

Das Problem hatte ich mir mit großem Fleiß angelesen, hatte über Traumatisierungen recherchiert, über Verletzungen, die so schwer sind, dass kein Lernen gelingen kann, die eine geistige Behinderung vorgaukeln können und dann werden diese Kinder auf Sonderschulen abgeschoben. Dabei seien solche Verletzungen heilbar, wenn man (also nicht das Kind, sondern die Erziehenden) sich nur genug Mühe gibt, so verkürze ich hier mal einen anspruchsvollen pädagogischen Weg. Beispiele für das Gelingen blühen im Internet, erzählen von Abitur und bezauberndem Cellospiel.

Die, bei denen das nicht gelingt, erzählen weniger.

Vielleicht hat das Kind längst alle seine Ressourcen ausgeschöpft. Doch das Gefühl versagt zu haben, nagt wie Termiten am Gebälk.

Mein Vorsatz am Ende dieses Jahres: Ich will mich nicht mehr von Erwartungen drangsalieren lassen, nicht meinen eigenen, nicht denen anderer, nicht den eingeredeten.

Ich will mich nicht mehr im wahrsten Sinne des Wortes irre machen lassen.

Ich will das leben, was ist.

Und wenn eine fast Erwachsene nicht allein in die Kirche kann, fragt man eben, die, die sie mögen, ob sie sie nicht begleiten können. Und siehe da: Drei freudige Zusagen in 24 Stunden.

Mit solchen Menschen um sich herum fühlt sich nachgeben gar nicht mehr so schwer an.

Eigentlich sogar gut.


Klar, ich hätte die Etüde auch über was anderes schreiben können, aber jetzt stehe ich mir trotz der schönen Wörter dabei endgültig selbst im Weg. Diese Woche zwischen Ewigkeitssonntag und Erstem Advent brauchte ich für anderes. Danach gibt es wieder Geschichten, ganz bestimmt.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte naczukommen.

10 Gedanken zu “Ewigkeitssonntag, Etüden, Ergebenheit

  1. vro jongliert November 30, 2018 / 5:21 am

    Ich sehe dich vor mir, mit deinen Kämpfen, den inneren und den äußeren. Und ich ziehe den Hut vor dir und beuge mich. Tief beuge ich mich, dass du das auf dich nimmst. Denn man spürt die Verantwortung, die du trägst und tragen willst und deren Ausmaß du vielleicht so nicht erwartet hast, und man spürt, wie du dich immer um das Beste bemühst. Vor allem aber spürt man zwischen deinen Zeilen diese übergroße Liebe, die es manchmal leichter und manchmal wohl auch noch schwerer macht, sein Leben Tag für Tag zu meistern.
    Liebe Natalie, so wie ich das aus weiter Ferne sehe, machst du deine Sache gut. Jeder gibt das, was er gerade zu geben imstande ist, hat mir einmal eine Freundin gesagt. Vielleicht sind deine Zweifel ja dazu da, deinen/euren Weg neu auszurichten oder zumindest anzupassen.
    Fühl dich gedrückt, wenn du magst, und allerherzlichste Grüße,
    Veronika

    Gefällt 5 Personen

  2. Elke H. Speidel November 30, 2018 / 8:42 am

    Liebe Natalie, jedes Leben ist anders. Und ich fürchte, jedes ist auf seine je eigene Art schwer. Ich wünsche dir und deinen Fundevögeln die Kraft, die ihr alle braucht, um euer jeweiliges, trotz aller Hilfen je einsames, Leben so gut und freudvoll wie möglich zu bewältigen. Ich muss manchmal an Humpty-Dumpty denken, dieses seltsame Ei, das im englischen Kinderlied immer wieder von der Mauer fällt und nicht mehr zusammengefügt werden kann, und das in den filmischen Darstellungen unverzagt immer wieder auf die Mauer klettert, um immer wieder hinunterzufallen. So sind viele von uns zerbrochen, nicht mehr zusammenfügbar, und machen doch weiter, irgendwie, im besten Fall immer wieder. Auch dein Text erinnerte mich eben an Humpty-Dumpty.

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Dezember 4, 2018 / 11:53 am

      Liebe Elke, So schwer ist mein Leben vermutlich gar nicht.
      So anstrengend es ist, die Fundevögel leben, sie sind gesund, sie sind gern hier.
      Nur ich, die ich meine Schwere (die wie du sagst jedes Leben hat) gerade sehr spüre hatte mich irgendwie in eine Falle manövriert, aber ich bin dabei den Ausgang zu finden. Dass dabei das eine oder andere zerbricht ist wohl unausweichlich.
      Natalie

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  3. Christiane November 30, 2018 / 9:25 am

    Ich habe von dem, was dein tägliches Leben ausmacht, null Ahnung. Und ich meine wirklich „null“. Daher möchte ich nur bekunden, wie groß mein Respekt vor dir ist, vor deinen Anstrengungen, den nimmermüden, deinen Fundevögeln ein möglichst heiles Leben in dieser Welt zu ermöglichen, vor der Liebe, die immer aus deinen Zeilen spricht, und vor dem, was man neudeutsch, glaube ich, gerade „attitude“ nennt.
    Helden des Alltags, bisschen ausgelutscht, der Begriff, aber für mich gehörst du dazu.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Dezember 1, 2018 / 10:03 pm

      Ach Heldendes Alltags sind für mich die,die im entscheidenden Moment den Mund aufbekommen oder zufassen – das gelingt mir eher selten, aber wenn ich mal schnell genug die Situation erfasse und dann noch über meinen Schatten springe, dann bin ich tatsächlich auch stolz auf mich.

      Gefällt 1 Person

  4. gkazakou November 30, 2018 / 3:08 pm

    Es wurde ja in den Kommentaren schon alles gesagt, auch „Heldin des Alltags“, fehlt nur noch „Wohl dem Land, das keine Helden braucht“. Wenn du ein wenig zurücktreten kannst von der Alleinverantwortung und der Vorstellung, du könntest durch Liebe und Geduld richten, was in der Welt an Schlimmem entstanden ist, wenn du einen Teil deiner Sorge abgeben kannst – manche sagen, an das Universum, andere, an „Gott“ oder wie auch immer – dann kannst du besser durchhalten und auch Hilfen von Menschen besser annehmen. Die drei, die gleich bereit standen, den großen Fundevogel zu begleiten! Und die Sozialarbeiterin, die Anträge fürsorglich ausfüllt – das zeigt doch, dass dein Bemühen gesehen wird. Und dass du Hilfe hast.

    Gefällt 2 Personen

  5. eva Dezember 3, 2018 / 9:55 pm

    Ich bin immer geplättet von dem, was Du lebst, wie Du es lebst und wie mensch sich manchmal mit seinen Erwartungen und eignen Unterdrucksetzungen im Weg steht. Ach je, ich schicke zu meiner großen Verneigung vor dem, was Du leistest, einafch ne Umarmung. Ja herrgottnochmal, alle Hilfe annehmen, die geht. Wie Gerda schreibt, ein wenig zurücktreten von der Alleinverantwortung. Und schau, in 24 Stunden 3 Zusagen. Die Vorsatz ist sehr sehr klasse. Au wei, bei Euch ist was los. Da ist unser friedliches Familienleben das reinste Schlaftablettenkabinett.
    Viele Grüße, Eva

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  6. fundevogelnest Dezember 4, 2018 / 12:16 pm

    Liebe Eva,
    ich glaube am meisten Druck, machen mir vor Jahrzehnten eingeimpfte Glaubenssätze:
    „Du hast es so gewollt, nun sieh zu, wie du klarkommst“, ein paar Menschen haben mir das auch ziemlich wenig kaschiert so rückgemeldet.
    Und diese Glaubenssätze führen mich dann dahin, mir massiv selbst im Weg zu stehen.
    Die inneren Kämpfe , die ich mit mir ausfocht , um mir eine – von mir bezahlte – Hilfe im Haushalt zu gönnen, braucht kein Mensch zu verstehen.
    Mit solchen Dingen vergeude ich meine Kräfte, , denn eigentlich mag ich es, wenn bei meinen wilden Kindern der Punk abgeht, habe ich ein Faible für störende, laute, querdenkende Kinde, für das nicht Angepasste, Störende, in dem auch immer Geschichten lauern.
    Nur die alten Monster stehen im Weg, ich schiebe gerade an ihnen.
    Und das Bloggen und solche Kommentare sind eine gewaltige Schubhilfe.
    In diesem Sinne
    Danke
    Natalie

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